Berlin wird Metropole

Als das „Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin“ am 27. April 1920 von der Preußischen Landesversammlung mit einer knappen Mehrheit von 164 zu 148 Stimmen angenommen wird, bildet das den Höhepunkt einer jahrhundertelangen Stadtentwicklung. Acht Stadtgemeinden – Berlin, Charlottenburg, Cöpenick, Lichtenberg, Neukölln, Schöneberg, Spandau, Wilmersdorf – sowie 59 Landgemeinden – unter anderen Blankenfelde, Britz, Friedenau, Grunewald, Hermsdorf, Karow, Marzahn, Pankow, Steglitz, Wannsee – und 27 Gutsbezirke – Berlin Schloß, Dahlem, Düppel, Jungfernheide, Niederschönhausen, Pfaueninsel, Wuhlheide um wieder nur einige zu nennen -  gehörten ab 1. Oktober 1920, dem Tag an dem das Gesetz rechtskräftig wurde, zu Groß-Berlin und etablierten damit die Stadt, die uns heute unter dem Namen Berlin geläufig ist.

 

Vorläufer Groß-Berlins war der „Zweckverband Groß Berlin“ der 1912 gebildet wurde und allerdings nur mäßig erfolgreich war, immerhin aber mit zwei wichtigen Errungenschaften punkten konnte – dem Dauerwaldvertrag und den Vorbereitungsmaßnahmen der Vereinheitlichung der unterschiedlichen Straßenbahnbetriebe. Bis heute prägend ist sicherlich der Dauerwaldvertrag mit dem der Zweckverband große Waldflächen in Grunewald, Tegel, Grünau und Köpenick aufkaufte und sich verpflichtete, die Flächen weder zu roden noch zu bebauen, sondern als Naherholungsflächen zu erhalten. Bis heute hat Berlin bei einer Fläche von 89.000 Hektar einen Waldanteil von knapp 30% und damit die Spitzenposition im Vergleich zu allen anderen europäischen Großstädten. 

 

Zum 100-jährigen Jubiläum Groß-Berlins in diesem Jahr, erscheint dieser Tage im Elsengold Verlag der Band „Berlin wird Metropole“ des renommierten Berlin-Historikers Felix Escher und bietet ein spannendes und kurzweiliges Profil durch die Berliner Siedlungsgeschichte. Die Stadtentwicklung wird nicht nur anhand der Entwicklungslinien Berlins aufgezeigt, sondern von Anfang an in Bezug zur Entwicklung der umgrenzenden Gemeinden in Brandenburg gesetzt, ohne die sich Berlin nicht zu einer Metropole europäischen Ranges hätte entwickeln können.

 

Spandau und Cöpenick zum Beispiel waren lange vor Berlin wichtige und wohlhabende Städte in Preußen, die auf den Usurpator Berlin hinunterschauten und sich bis nach 1920 erbittert gegen die Eingemeindung wehrten. In Spandau stimmten die Abgeordneten über alle Parteigrenzen hinweg gegen das Gesetz und initiierten sofort nach Inkrafttreten eine Los-von-Berlin-Bewegung, die allerdings den Magistrat nicht beeindruckte und dadurch letztlich auch nicht erfolgreich war.

Die Entstehung Groß-Berlins war letztlich eine folgerichtige Entscheidung eines jahrhundertelangen Fortgangs; spätestens mit der Industrialisierung und der daraus resultierenden Randwanderung der Industrie war sowohl eine Zusammenarbeit als auch ein übergeordneter Plan gefragt. Der 1862 in Kraft getretene „Bebauungsplan der Umgebungen von Berlin“ heute allgemein als Hobrecht-Plan (nach seinem Verfasser James Hobrecht) bekannt, schuf eine erste Grundlage dafür. Die sprunghaft wachsende Industrie trug zur Luftverschmutzung bei, die Landflucht und der damit verbundene Bevölkerungszuwachs führte zum Zuzug in die Vororte; Infrastruktur musste entwickelt werden. Dazu Bahnhöfe, ein ausgebautes Verkehrswegenetz und die Schaffung technischer und hygienischer Voraussetzungen wurden nötig. Dennoch konkurrierten die Städte und Landgemeinden untereinander und die sozialen Unterschiede in den Gemeinden waren teils beträchtlich. Auf Dauer konnten auf Grund der räumlichen Nähe und der Verzahnungen in allen Bereichen die Eigenständigkeiten schlicht nicht aufrecht erhalten bleiben.         

 

Viele lesens-und lernenswerte Details enthält der Band; zum Beispiel das des jahrelang (zu Unrecht) gescholtenen Hobrecht. Ihm bzw. seinem Radialsystem ist es zu verdanken, dass nach dem Zweiten Weltkrieg viele Pläne zum (autogerechten) Umbau in Ost und West nicht umgesetzt werden konnten. Die unterirdischen Anlagen zur Ver- und Entsorgung waren nur wenig zerstört und so waren die Stadtplaner gezwungen, auf das bestehende Straßennetz wegen der darunter liegenden Werte Rücksicht zu nehmen. Wie so oft zeigte sich wieder – wer seine Geschichte kennt, lenkt seine Gegenwart.  

 

Felix Escher: Berlin wird Metropole │ Eine Geschichte der Region / 176 Seiten / Hardcover /  Elsengold Verlag / ISBN 978-3 962ß1-038-6 / 29,95 Euro

 

DISCLAIMER: Der Band wurde mir vom Elsengold Verlag als Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt   

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