Café Aroma

Die Hochkirchstraße in Schöneberg ist – meines Wissens zumindest – die einzige Straße in Berlin, die sich in Serpentinen eine Anhöhe hinaufschlängelt. Es sind zwar nur drei Kehren – wir sind ja nicht in den Bergen - aber immerhin. Benannt ist die Straße übrigens nach dem Ort Hochkirch in Sachsen, dem Schauplatz einer Schlacht des Siebenjährigen Krieges, in der die Österreicher der Armee Friedrich II in einem nächtlichen Angriff eine verheerende Niederlage zufügten. Es ist immer wieder erstaunlich, wie wenig Namensgebung mit der Realität zu tun haben kann: die Hochkirchstraße ist sicherlich eine der romantischsten Straßen der Stadt in der höchstens die Nähe zum Alten St. Matthäus Friedhof an Tod und Verderben erinnert.

 

An der ersten Kurve bildet der Bürgersteig einen kleinen Platz und hier befindet sich seit 1987 das Café Aroma, eines der ältesten italienischen Restaurants Berlins; ein Lokal, wie es jede Nachbarschaft haben sollte, aber leider nicht hat. Das Menü besteht aus einer Standardkarte, mit von den Gästen heißgeliebten Klassikern wie Spaghetti Saporiti, einer saisonalen Karte und einer Tageskarte, ausgerichtet an dem was beim Einkaufen das Gefallen des Patrone gefunden hat. Gekocht wird nämlich nach Slow Food Regeln und das Café Aroma kann sicherlich als einer der Hauptakteure der Slow Food Bewegung in Deutschland angesehen werden. Während die Weine und auch ein Bier aus Italien importiert werden, geht man bei den Zutaten des Essens bewusst andere Wege: weniges wird aus Italien eingeführt, das meiste wird von lokalen Produzenten gekauft. Und zwar schon lange bevor regional, saisonal, lokal in vielen Restaurants der Stadt ein Thema war.

Inzwischen ist eine Nachfolgegeneration am Ruder, aber sie führen den Laden in der Tradition und im Sinne der Restaurantgründer weiter. Einzig den Sonntagsbrunch haben sie eingeführt, der innerhalb kürzester Zeit zu den besten der Stadt gekürt wurde. Dazu kann ich – noch – nichts sagen; ich werde aber zeitnah darüber berichten.

 

Der Gastraum ist schlicht, Holztische und -stühle, an den Wänden wechselnde Ausstellungen befreundeter Künstler. Wenn es voll ist, und das wird es eigentlich fast immer, sitzt man nah und eng, es ist laut und unfassbar familiär. Am schönsten ist es aber natürlich auf der Terrasse. Da die Hochkirchstrasse keine Durchgangsstraße ist, ist kaum Verkehr, ab und zu startet die Vespa des Kollegen, der die deliveroo Bestellungen zustellt und so sitzt man ruhig und entspannt unter schattenspendenden Bäumen und Glückseligkeit beginnt sich einzustellen.     

 

Denn, was man auf den Teller bekommt ist bodenständige, ehrliche Küche, die durch die Qualität der Zutaten und das Wissen um deren Geschmack und die beste Verarbeitung überzeugt. Wir starteten mit Carpaccio Robespierre – einer Variation des Carpaccio, bei der das Fleisch kurz angebraten wird. Warum die Namensgebung? Fragen Sie mich nicht; bei Robespierre fange ich eher an, an Blut zu denken. Weiter ging es mit Cannelloni mit Bechamel und Spaghetti mit Moscardini, kleinen ligurischen Kraken. Die Pasta wird täglich frisch zubereitet – man schmeckt diesen Unterschied immer sofort eindeutig. Die Cannelloni waren gut, reichten aber geschmacklich nicht an die Spaghetti heran – die waren wirklich außergewöhnlich; ein Tomatensugo wie es ein soll, dazu die kross gebratenen Moscardini, leichter Knoblauch -  einfach und gut. Aber auch die gemischte Vorspeisen Le Ciotoline mit unter anderem kleinen Tortillas, Parmaschinken mit Melone, Vitello Tonnato oder einem kleinen Tomatenkuchen und die Raviolini mit Petersfisch in Salbeibutter konnte absolut überzeugen.   

 

Der Service ist authentisch und aufmerksam und hat den Abend im Griff, überfällt einen auch nicht mit aufgesetztem  Chi-Chi.  Als Gast mag ich das – Kompetenz ohne die übliche Anbiederung in anderen italienischen Lokalen, wo man schon beim ersten Besuch mit Handschlag begrüßt wird, obwohl der Wirt einen gar nicht kennen kann. Ich will mir mein Stammgast-Sein verdienen.

 

Und dann sitzt man auf der Piazza Hochkirch in einer lauen Sommernacht und Schöneberg fühlt sich auf einmal wunderbar mediterran an. So einfach und leicht kann das sein. 

 

Hochkirchstraße 8 – Schöneberg / 030 7825 821 / Mo-Sa 17:00-24:00 – So 11:00 – 24:00 /  U7 Yorckstrasse – S1-S2-25- S26 Yorckstraße – Bus M19 Yorckstrasse   

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    EinfachWein (Mittwoch, 22 August 2018 11:44)

    Schön, dass Du diese alte Institution augegraben hast. Vielen Dank für diese herzliche Beschreibung. Manch schönen Abend im Freuzndeskreis habe ich in den 90ern dort verbracht.

  • #2

    Charlotte@fortsetzungberlin (Donnerstag, 23 August 2018 08:16)

    Gerne. Ich finds schön, dass es in Berlin auch noch ein paar Institutionen gibt.

News

Fast Fashion – 27.September 2019 – 02. August 2020

 

Die Ausstellung „Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode “ wirft einen kritischen Blick auf die Folgen des Modekonsums für Produzenten und Umwelt und regt die Besucher an, sich engagiert mit ihrem eigenen Konsumverhalten auseinanderzusetzen. Alle Infos – hier

 

2019 Sony World Photo Awards – 15.November 2019 - 02.Februar 2020

 

Der internationale, renommierte Wettbewerb zeigt im zwölften Jahr das Beste, was die zeitgenössische Fotografie zu bieten hat. Er gibt einen Einblick in die visuellen Geschichten und Bilder aus dem Vorjahr von Fotografen aus der ganzen Welt. Alle Infos – hier.  

 

Mal wieder was Farbiges – Michael Diller und sein Kreis   – 14.Dezember 2019 -23.Februar 2020   

 

Am 27. Januar 2020 wäre der Maler und Grafiker Michael Diller (1950–1993) 70 Jahre alt geworden. 10 Jahre lang war sein Atelier Treffpunkt der Szene des Prenzlauer Berg und weit darüber hinaus. Die Besonderheit bestand darin, dass es keine homogene Szene war, die sich hier versammelte – Dillers Atelier war offen für jeden, der kommen wollte. Es wurde gefeiert und es fanden Vorträge, Gespräche, Filmvorführungen, Ausstellungen und Lesungen statt. Mehr Infos - hier.