Alter St. Matthäus Friedhof

Friedhofskapelle
Friedhofskapelle

Der Alte St. Matthäus Friedhof ist die ursprüngliche Begräbnisstätte der Gemeinde St. Matthäus, die im Tiergartenviertel auf dem Gelände des heutigen Kulturforums zu Hause war.  Die Kirche, nach Entwürfen Stülers, ist eines der wenigen Gebäude des Viertels, welches die Pläne zur Welthauptstadt Germania, den Krieg und die Zerstörung überlebt hat. Hier wütete erst Speer und später die Bomben der Alliierten.    

 

Bis zur Erschließung eines Grundstücks auf einer Anhöhe Alt-Schönebergs nutzte die Parochie den Kirchhof der  Dreifaltigkeitsgemeinde an der Bergmannstraße in Kreuzberg; hier war die Mutterkirche – 1846 hatte man sich getrennt, da die Gemeinde enorm angewachsen war, hatte aber vereinbart, den Friedhof weiterhin gemeinsam zu nutzen. Schnell entstand allerdings der Wunsch einen eigenen Friedhof anzulegen und 1854 konnte man das Schöneberger Grundstück günstig erwerben, da es aufgrund seiner Hanglage nur bedingt landwirtschaftlich nutzbar und zudem die Nähe zur Berlin-Potsdamer Bahn, heute S1, und der Berlin-Anhaltinischen Bahn das Areal für Wohnbebauung nicht attraktiv genug war. 1890 wurde noch ein weiterer Friedhof am Priesterweg angelegt, der jedoch nie die Popularität des Alten St. Matthäus-Kirchhofs erreichte.

 

Die Friedhofskapelle wurde 1907 - 1908 nach Plänen des Regierungsbaumeisters Gustav Werner erbaut; ein Kuppelbau im Stile der Neorenaissance und des Neobarock von schlichter und vornehmer Eleganz. Nach Norden schloss das Ensemble mit einer neubarocken Toranlage ab.    

 

Das sogenannte Geheimratsviertel zwischen Landwehrkanal und Tiergarten war eines der wohlhabendsten Wohngebiete Berlins; hier lebten Unternehmer, hohe  Beamte, Künstler und Wissenschaftler in prächtigen Villen. Aber man war nicht nur reich, man war auch kunstsinnig und diesen Kunstsinn wollte man natürlich auch der Nachwelt übermitteln. Entsprechend fällt die  Ausstattung der Gräber aus. Sie finden hier aufwendig gestaltete Wandgräber und Mausoleen und über 50 Ehrengräber des Berliner Senats. Die Gräber der Frauenrechtlerin Minna Cauer, der Gebrüder Grimm und des Mediziners Rudolf Virchow sind fast bescheiden, die Grabstätten Hansemann, Hofmann, Bolle, Messel sind hingegen wahre Prachtbauten ihrer Zeit. In manchen dieser Mausoleen könnte man wohnen, sie sind richtige Häuser.

 

Germania und Totenruhe

Wandgräber
Wandgräber

Aber – den Toten war ihre Ruhe nicht gegönnt. Auch dem Friedhof kamen die Pläne zu Germania dazwischen. 1938-39 wurde ein Drittel der Gräber aufgehoben, teilweise auf den Südwestfriedhof nach Stahnsdorf umgebettet oder eingeebnet. Prominentestes Umzugs „Opfer“ war das Mausoleum der Verlegerfamilie Langenscheidt, welches nach Stahnsdorf transportiert wurde. Der für 1941 geplanten völligen Auflösung des Friedhofs kam der Krieg dazwischen. Bei den diversen Luftangriffen auf Berlin entstanden auch im Kirchhof, teils massive, Schäden. Erst in den 1970er Jahren begann man das kulturelle und kulturhistorisch so wichtige Erbe durch Restaurierung und Sanierung zu bewahren und zu erhalten.    

 

Um dem heutigen Besucher einen Eindruck vom Umfang der Beschädigung durch die gigantomanischen Pläne Speers zur Nord-Süd Achse zu geben, wurde ein Gedenkstein an der vormaligen Stelle des Erbbegräbnisses Langenscheidt errichtet.  2008 wurde dort durch EFEU e.V., den Unterstützerverein des Friedhofes, mit Kunststudenten die Vorderansicht des Langenscheidt-Mausoleums als Wandmalerei an der Fassade eines angrenzenden Hauses angebracht.

 

Und noch weiteren Toten gönnten die Nazis ihre Ruhe nicht; einige der Widerständler des 20. Juli wurden nach ihrer Exekution auf diesem Friedhof beerdigt. Himmler ließ am nächsten Tag die Exhumierung anordnen, die SS verbrannte die sterblichen Überreste im Krematorium Wedding und verstreute die Asche auf den Rieselfeldern. Heute erinnert ein Gedenkstein an Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Ludwig Beck, Friedrich Olbricht, Albrecht Mertz von Quirnheim und Werner von Haeften.

 

Anfang 2000 übernahm der Verein „Denk mal positHIV“ die Patenschaft für die Grabstätte der Bankiersfamilie  Albert Streichenberg. Das Wandgrabmal entstand um 1875 und zeichnet sich durch das kunsthistorisch wertvolle Bogenfeld mit Abbild eines Genius, entworfen vom Bildhauer Rudolf Pohle, einem Schüler Drakes, aus. Die Grabstelle widmet sich dem Gedenkens und der Bestattung von Berlinern, die mit HIV gelebt und an AIDS gestorben sind. 

 

Im April 2008 wurde der zu den Vereinsprojekten gehörende Garten der Sternenkinder eingeweiht, eine Ruhe- und Gedenkstätte für still- oder fehlgeborene Kinder. Entstanden ist eine liebevolle Ruhe- und Gedenkstätte für Sternenkinder und Kleinkinder, der Wind weht leise durch die Windspiele und Windräder; Eltern finden hier einen eigenen Platz für ihr Kind und einen Ort für ihre Trauer. Der Ort der Sternenkinder ist interkonfessionell.

 

Seit 2014 gibt es die Möglichkeit, den Kirchhof mit der „Friedhofs App“ zu entdecken; ein sehr hilfreicher Begleiter, die wichtigsten und schönsten Gräber nicht zu verpassen. Das nette Café Finovo direkt am Nordeingang lädt vor oder nach dem Besuch zu selbstgemachtem Kuchen oder Suppe ein. Ein etwas aus der Zeit gefallener aber umso reizvollerer Ort.   

 

Großgörschenstraße 12-18 – Schöneberg / S1 Yorckstraße-Großgörschenstraße – S2-S25-S26- U7 Yorckstraße -  Bus M19 Mansteinstraße  

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

News

1000x Berlin. Das Online-Portal zur Stadtgeschichte

1000 Fotografien aus den Sammlungen der Berliner Bezirksmuseen und des Stadtmuseums Berlin geben einen faszinierenden Einblick in die Stadtgeschichte. Aus Anlass des 100. Jubi­lä­ums von Groß-Ber­lin erzäh­len sie von einer Groß­stadt, die 1920 durch Par­laments­be­schluss aus Städ­ten, Landgemeinden und Gutsbezirken zusammen­gefügt wurde. 150 thematische Fotoserien zeigen, wie sich das Bild Berlins von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart verändert hat. Alle Infos – hier

  
Potsdamer Konferenz 1945 – Die Neuordnung der Welt – 23.Juni – 31.Dezember 2020
Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) zeigt anlässlich des 75. Jahrestages der Potsdamer Konferenz eine Sonderausstellung im Schloss Cecilienhof. Am authentischen Ort erleben die Besucher eine multimediale Zeitreise in die schicksalshaften Tage des Sommers 1945. Alle Infos – hier  

Fragile Times – 04.Juli – 25.Oktober 2020
Klimawandel, Umweltverschmutzung und Artensterben sind nur einige der Schlagworte, die viele Menschen in Sorge versetzen. Dennoch kommt es bei den Wenigsten zu nachhaltigen Verhaltensänderungen.  Die Ausstellung in der Galerie im Körnerpark beschäftigt sich mit dem fragilen Verhältnis von Mensch und Natur und sucht nach Wegen, dieses neu auszuloten. Mehr Infos – hier.
 

Mitte(n) in Reinickendorf – 06Juli – 25.Oktober 2020
Und noch eine Ausstellung zu Berlin 100. Zwischen den Landgemeinden des späteren Bezirks Reinickendorf erstreckten sich vor über hundert Jahren noch Waldflächen und freie Felder. Durch die Eingemeindung Berlins wurde sie Teil des Zukunftraums Berlin. Anhand von Fotografien, Karten, Gemälden und Interviews mit Bewohnerinnen und Bewohnern wird in der Ausstellung die unterschiedliche Entwicklung und Vielfalt Reinickendorfs deutlich. Mehr Infos – hier 

 

Stasi in Berlin – noch bis 31.Dezember 2020

Die Sonderausstellung „Stasi in Berlin“ der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen zeigt die Dimensionen der staatlichen Repression durch den Staatssicherheitsdienst der DDR sowohl in der Hauptstadt der DDR als auch in West-Berlin. Auf einem begehbaren, 160 qm großen Luftbild erkunden die Besucher mit Hilfe von Tablets zahlreiche Dienstobjekte und tausende konspirative Wohnungen. Fotos, Videos und Schriftstücke verdeutlichen das Ausmaß der Überwachung. Alle Infos – hier.