Jüdischer Friedhof Heerstraße

Der Jüdisch Friedhof an der Heerstraße ist einer von zwei heutzutage noch als Begräbnisstätten genutzten jüdischen Friedhöfe Berlins. Nachdem sich – schon vor dem Bau der Mauer – ab circa 1953 die jüdische Gemeinde in eine West- und eine Ostgemeinde spaltete, entstand die Notwendigkeit auch im Westen eine Ruhestätte für die Verstorbenen der Gemeinde zu finden. 1955 erwarb die Westgemeinde deshalb ein 3,4 Hektar großes Waldstück am Scholzplatz am Nordrand des Grunewalds.  

 

Der geometrisch angelegte, sehr baumreiche Friedhof, ein Merkmal das er mit dem Jüdischen Friedhof in Weißensee gemeinsam hat, wurde vom Architekten Hermann Guttmann und dem Tempelhofers Gartenbaudirektor Bernhard Kynast geplant. Kapelle und Verwaltungsgebäude, die mit  zwei Toren einen kleinen Hof bilden über den man den Friedhof betritt - entwarf der Architekt Curt Leschnitzer. Das bekannteste Gebäude Leschnitzers ist übrigens die Goldsteinvilla an der Reichstrasse Ecke Platanenalle, die er 1923 für den Charlottenburger Textilfabrikanten Eugen Goldstein erbaute. Nach Zwangsarisierung 1938 gelangte das Gebäude 1950 in den Besitz von Hertha BSC und fungiert seit 2008 als Botschaft Namibias in der Bundesrepublik Deutschland.    

Betritt man den Friedhof vom Scholzplatz stößt man zunächst auf ein Denkmal zu Ehren der in den Armeen der Alliierten kämpfenden Soldatinnen und Soldaten jüdischen Glaubens. Sieben schlichte schwarze Stelen in aufsteigender Größe stehen zentriert in einem Kleinsteinfeld.

 

In direkter Nachbarschaft befindet sich das Grab von Heinz Galinski, jahrzehntelanger Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Berlins sowie von 1954-1963 und 1988-1992 Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland – ein Ehrengrab der Stadt Berlin, dessen Ehrenbürger Galinski 1987 wurde. Es ist schwer auszuhalten zu wissen, dass  es zwei Anschläge auf die letzte Ruhestätte von Galinski gab - im September und Dezember 1998, bei denen der Originalgrabstein fast vollständig zerstört wurde. Ein weiterer Bombenanschlag ereignete sich auf dem Friedhof im März 2002. In keinem der Fälle konnte bisher die Täterschaft ermittelt werden.  

 

Der Endpunkt des zentralen Eingangsweges läuft auf das Mahnmal für die jüdischen Opfer des NS-Regimes zu. Der Architekt Josef M. Lellek nutzte hierfür Steine der zerstörten Synagoge in der Fasanenstraße. Ein Sarkophag ähnlicher Gedenkstein trägt die Inschrift: “Denen, die unter der Herrschaft des Unmenschen ihr Leben lassen mußten zum ewigen Gedächtnis – 1933-1945”. Vor dem Memorial wurde 1984 eine Urne mit Asche von Opfern aus dem Konzentrationslager Auschwitz beigesetzt. Im Halbkreis um den Gedenkstein stehen in weitem Rund kleine rote Grabplatten, die Überlebende des Holocaust für ihre ums Leben gekommenen Angehörigen errichten ließen.

 

Fünf alte Grabsteine rechts und links des Mittelwegs sind Funde von dem im 15. Jahrhundert geschlossenen jüdischen Friedhof in Spandau, dem sogenannten Juden-Kiewer. Sie wurden 1955 bei Renovierungsarbeiten an der Zitadelle gefunden und an die Heerstraße verbracht. 1324 wurde jüdisches Leben in Spandau erstmals urkundlich erwähnt und der Judenkiewer war die ursprüngliche  Begräbnisstätte dieser jüdischen Mitbürger Spandaus. Die Bezeichnung „Kiewer“ steht aller Wahrscheinlichkeit nach in Zusammenhang mit dem hebräischen und jiddischen Wort kejwer – Grab.

Viele Grabsteine in den unterschiedlichen Sektionen bilden gleichmäßige Gräberreihe mit gleich hohen Gräbern und hebräischen Inschriften. Gemäß der jüdischen Tradition wird über diese Anordnung versucht dem Ideal der Schlichtheit und Gleichheit aller im Tode zu entsprechen. Aber ebenso wie in Weißensee wird auch hier von vielen Grabstätten dieses Prinzip aufgeweicht. An der Größe und Gestaltung der Steine soll der im Leben erworbene Reichtum und Erfolg abgelesen werden. Allerdings findet man in Charlottenburg keine der prachtvollen Erbbegräbnisse wie sie in Weißensee zu finden sind. In die Nachkriegszeit beziehungsweise Moderne passt ein solches Repräsentationsbedürfnis wohl nicht mehr   

 

Weitere Ehrengräber auf dem Friedhof sind die Ruhestätten des Regisseurs, Rundfunk- und Fernsehmoderators Hans Rosenthal und des Stadtältesten Siegmund Weltlinger – beide Männer überlebten die NS-Zeit und den Krieg übrigens in Verstecken in Berlin.  Die Ruhestätten der KZ-Überlebende und SPD Politikerin Jeanette Wolff, des ZDF-Moderator Gerhard Loewenthal und des Oberkantor der Jüdischen Gemeinde von 1947 -2000 Estrongo Nachama werden ebenfalls von der Stadt Berlin gepflegt.

 

Weitere prominente Verstorbene, die ihre letzte Ruhe auf dem jüdischen Friedhof Heerstraße gefunden haben sind die Allroundkünstlerin Lotti Huber, der Filmproduzent Artur „Atze“ Brauner, der Widerstandskämpfer Gad Beck, der Schauspieler Ernst Deutsch, der unter Max Reinhardt zu einem der bedeutendsten des deutschsprachige Raumes wurde und der ehemalige Konzertmeister der Berliner Philharmoniker Michel Schwalbé.  

 

Heerstraße 141 – Charlottenburg / Die Öffnungszeiten richten sich nach den jüdischen Wochenend- und Feiertagen; auch im Sommer wird  bereits um 17:00  geschlossen / S-Bahn S3-S9 Pichelsberg – Bus M49-X34-X49-218 Scholzplatz / Bitte vergessen Sie beim Besuch nicht, dass männliche Besucher eine Kopfbedeckung benötigen.

Kommentare: 0

News

1000x Berlin. Das Online-Portal zur Stadtgeschichte

1000 Fotografien aus den Sammlungen der Berliner Bezirksmuseen und des Stadtmuseums Berlin geben einen faszinierenden Einblick in die Stadtgeschichte. Aus Anlass des 100. Jubi­lä­ums von Groß-Ber­lin erzäh­len sie von einer Groß­stadt, die 1920 durch Par­laments­be­schluss aus Städ­ten, Landgemeinden und Gutsbezirken zusammen­gefügt wurde. 150 thematische Fotoserien zeigen, wie sich das Bild Berlins von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart verändert hat. Alle Infos – hier