Selbst in einer an Geschichte und Persönlichkeiten so reichen Stadt wie Berlin begegnet man einigen Protagonisten häufiger als anderen. Eine der prägendsten Familien des späten 19ten - frühen 20sten Jahrhunderts war sicherlich die Familie Rathenau. Mit der Gründung der AEG verwandelte sich das verschlafene Dorf Oberschöneweide ab Mitte der 1890er Jahre in eine der dynamischsten Regionen des deutschen Reiches. Emil Rathenau, heute sehr viel weniger bekannt als sein Sohn Walther, der 1922 von Rechtsradikalen erschossene deutsche Außenminister, hieß der Mann, dem der Ort seinen Aufstieg und auch seinen Friedhof verdankt. 

 

Rathenau war weniger Erfinder als vielmehr weitsichtiger Kaufmann und verkörperte den neuen Typ des Manager-Unternehmers, der sich deutlich vom klassischen Erfinder-Unternehmer, wie es sein größter Konkurrent Werner v. Siemens war, unterschied. Rathenau verfügte natürlich über fundierte fachspezifische Kenntnisse im Maschinenbau, aber seine hervorstechenden Qualitäten waren sein Gespür für strategische Unternehmensplanung, Marktbeobachtung und eines bis dahin in deutschen Unternehmen kaum bekannten Marketings.

 

1902 wurde der Waldfriedhof Oberschöneweide vom Architekten Max Stutterheim im Auftrag Rathenaus auf einem Gelände des königlichen Forsts an der Wuhlheide angelegt. War ursprünglich 1 Hektar arrondiert, erfolgten 1908 und 1942 zwei Erweiterungen auf dann insgesamt 4 Hektar. Seit 2004 hat der Friedhof eine Größe von 5,7 Hektar, was ihn zu Einem mittlerer Größe in Berlin macht. Rathenau finanzierte aber nicht nur den Friedhof, sondern auch den Bau der Friedhofskapelle und eines Wohnhauses für den Friedhofsverwalter.   

 

Die Einweihung fand im Februar 1903 mit der Beisetzung des Königlichen Försters Witte statt, kurz darauf wurde der Sohn Emils, Erich Rathenau, der im Januar 1903 in Italien verstorben war, hier bestattet.

 

Das Erbbegräbnis Rathenau ist sicherlich das imposanteste auf dem gesamten Friedhof. Der Entwurf stammt vom Berliner Architekten Alfred Messel, der Bauschmuck vom Freund der Familie Hermann Hahn. Die Anlage zeigt sich als rechteckiger offener Hof, zu drei Seiten von Mauern mit Muschelkalkquadern verkleidet, drei Stufen führen zu einer erhöhten Ebene. Das Portal wird rechts und links von Dreiecksgiebeln mit zwei überlebensgroßen Skulpturen flankiert. Morgen und Abend werden weiblich und männlich symbolisiert, eine beliebte Anlehnung an die Figuren Michelangelos in der Medici Kapelle in Florenz. Die weibliche Figur den Beginn des Lebens darstellend, die männliche die handelnde Seite des Tages und Abends. Würde man heute sicherlich nicht mehr so machen, aber zu Beginn des 20sten Jahrhunderts waren unsere Vorfahren halt noch nicht so weit. Gegenüber dem Eingang befindet sich ein reliefgeschmückter Avant-Corps auf dem die Namen der beigesetzten Familienmitglieder eingraviert sind. Seit 1962 erinnert eine Gedenktafel an den gewaltsamen Tod Walther Rathenaus, inzwischen ist das Grab auch ein Ehrengarb des Landes Berlin; allerdings auch wegen Walther nicht wegen Emil. Man kann darüber geteilter Meinung sein, welcher Rathenau für die Geschichte und Entwicklung Berlins maßgeblicher war.  

 

Weitere bedeutende Grabmale sind die Grabstätten der Familien Deul, Engel und Tremmler.  

 

Carl Deul war Architekt und erster Vorsteher der Landgemeinde Oberschöneweide und einer der Väter des Industriebooms am Standort. Sein Grab ist heute ebenfalls ein Ehrengrab des Landes Berlin. Das Erbbegräbnis Engel, Inhaber der Lampenfabrik Frister, besteht aus einem Portikus hinter dem auf einer erhöhten Ebene eine bronzene Frauenfigur ein Mädchen tröstet - 1908 von Franz Feuerhardt und Heinrich Koch erbaut. Das Garbmal Hermann Tremmler, Chemiefabrikant, ziert eine Mondsichelmadonna, die Unheil verkündend in einer Nische steht. 

 

Die Reihe der Erbbegräbnisse und Großgrabmale ist im Vergleich zu anderen Berliner Friedhöfen klein. Die Reichen zogen als Wohnort nicht unbedingt die Nähe eines Industriestandortes vor. Oberschöneweide blieb ein (Wohn)Ort für Arbeiter und der sogenannten kleinen Leute. Das spiegelt sich natürlich auch auf dem Friedhof wider.   

 

Im mittleren Teil des Friedhofes befindet sich das Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Es trägt die Namen aller aus Schöneweide gefallenen Soldaten sowie ihre Geburts- und Sterbedaten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde zudem eine Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus mit einem Sammelgrab und 314 Einzelgräbern eingerichtet.Seit 1995 steht die komplette Anlage unter Denkmalschutz.

 

An der Wuhleide 131A – Oberschöneweide / S3 - Wuhleide – Bus 27&60&67 RathenaustraßeXHTW

 

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