Geschichtspark Zellengefängnis Moabit

Gegenüber dem Hauptbahnhof, einem der trubeligsten Punkte der Stadt, befindet sich dieser kleine, ruhige und wenig bekannte Park. Die Geschichte dieses Ortes ist voll von menschlichen Tragödien, unermesslichem Leid und großen Irrwegen des Denkens.

Das Zellengefängnis Moabit in der Lehrter Straße wurde in den 1840er Jahren auf Anordnung Friedrich-Wilhelm IV. vom Schinkel-Schüler Carl-Ferdinand Busse erbaut. Vorbild für das Gefängnis war die englische Haftanstalt Pentonville bei London. 

 

Der Komplex bestand aus einem Zentralbau, der von vier Flügeln mit 520 Zellen und dem  Verwaltungstrakt sternförmig umgeben wurde. Dazu kam eine Kirche, eine Schule, Wohngebäude für die Vollzugsbeamten, Gärten, zwei Friedhöfe sowie eine Hinrichtungsstätte. Nach den modernsten Gesichtspunkten errichtet, galt die Moabiter Haftanstalt als Mustergefängnis in Preußen.

 

Denn ein neuartiger Lehransatz besagte, dass Kriminalität eine ansteckende Krankheit sei und Gefängnisinsassen durch räumliche Trennung vor Rückfällen bewahrt bzw. von der Krankheit geheilt werden könnten. Die Gefangenen wurden deshalb in fast vollständiger Isolationshaft gehalten. Jegliche Kommunikation zwischen ihnen wurde unterbunden. Um dies konsequent durchführen zu können, mussten die Gefangenen, sobald sie ihre Zellen verließen, eine Mütze mit heruntergeklapptem Schirm tragen, der ihr Gesicht verdeckte. In den Schulstunden oder beim Kirchgang steckten die Häftlinge in senkrechten Holzkisten, die ihnen nur Kommunikation mit dem Lehrer bzw. Anrede durch den Pfarrer erlaubten.     

 

Auch beim Hofgang durften keine Gespräche zustande kommen. Da die Insassen aber dennoch auf dem Hof miteinander flüsterten, errichtete man daraufhin drei runde Spazierhöfe, die jeweils in 20 dreieckige Ein-Mann-Pferche unterteilt wurden. Mit hohen Trennmauern versehen, blieben die Häftlinge so auch in den Freistunden streng voneinander abgeschirmt. Angeblich stammt die  Redensart „im Dreieck springen“ aus dieser Zeit.

 

Diese „moralische Läuterung“ hatte natürlich unmenschliche Konsequenzen. Viele Häftlinge wurden auf Grund der Haftbedingungen verrückt, die Selbstmordrate war exorbitant und als die Zahl der psychisch kranken Häftlinge drastisch anstieg, musste ein Nebengebäude 1886 zum - wie man damals sagte - Irrenhaus umgebaut werden. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde die strenge Isolationshaft langsam aufgehoben, die Spazierhöfe blieben sogar noch bis 1910 bestehen, bis schließlich der Irrweg und die Grausamkeit dieses Ansatzes erkannt wurden. Es ist heute einfach nicht mehr vorstellbar, wie lange man stur an diesem doch offensichtlich völlig verfehlten Leitbild festhielt.  

 

Einer der prominentesten Gefangenen dieser Zeit war der Schuster Wilhelm Voigt, der später als „Hauptmann von Köpenick“ bekannt wurde. Als 17-Jähriger kam er für drei Jahre (1866–69) nach Moabit. Während des Ersten Weltkrieges wurden vor allem Sozialdemokraten und Kriegsgegner hier inhaftiert, unter anderem Georg Ledebour oder der Kommunist Karl Radek.   

 

Und als ob man die Grausamkeit der Isolationshaft noch toppen könnte – genau das ging und passierte in der NS Zeit. Das Zellengefängnis wurde zum Symbol für politische Unterdrückung, Folter und Mord. Ab 1940 nutzte die Wehrmacht den Zellenflügel C und die Gestapo die Nebenabteilung, das vormalige Irrenhaus, zur Untersuchungshaft von politischen Gegnern und Widerständlern. Das Barbarentum hatte endgültig diesen Ort übernommen. Viele, die wieder entlassen wurden, waren hinterher für immer gezeichnete und gebrochene Menschen.

 

Einer der ersten Gefangenen der Nazis war Erich Mühsam, der Anfang 1933 zwei Monate hier inhaftiert war, später Erich Honecker von 1935-1937, 1943 der oppositionelle Schauspieler und Sänger Ernst Busch, 1944 der Schriftsteller Wolfgang Borchert, der neun Monate wegen “Zersetzung der Wehrkraft” inhaftiert war und hier das Lied „800 mal Lehrter Straße“ schrieb, eine Anspielung auf die 800 Mal am Tag sich wiederholenden Lautsprecheransagen des benachbarten Lehrter Bahnhofes.  

 

Nach dem gescheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 wurden Widerstandskämpfer wie Paul Graf York von Wartenberg, Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg, oder Gerd von Tresckow in Moabit gefangen gehalten. 

 

Nur 35 von 306 Widerstandskämpfern, die Ende des Zweiten Weltkriegs eingeliefert worden waren, überlebten die NS Zeit. Aus Angst vor Zeugenaussagen und Zur-Verantwortung-Gezogen-Werden wurden noch in der Nacht vom 22. zum 23. April 1945 16 Häftlinge ermordet, darunter Klaus Bonhoeffer, der ältere Bruder Dietrich Bonhoeffers sowie der Dichter Albrecht Haushofer, bei dessen Leiche die im Gefängnis entstandenen ‘Moabiter Sonette’ gefunden wurden. Der junge Kommunist Herbert Kosney überlebte die Hinrichtung schwer verletzt und konnte später als Augenzeuge berichten.

 

Das Gefängnisgebäude selbst wurde verhältnismäßig wenig zerstört, nur die Kirche sowie Teile eines Zellenflügels wurden ausgebombt. Von Oktober 1945 bis März 1955 nutzten die Alliierten den Gebäudekomplex als Haftanstalt. Ende 1946 wurde hier die einzige Hinrichtungsstelle im Westsektor Berlins eingerichtet. Zwischen Januar 1947 und Mai 1949 fanden dort insgesamt zwölf Hinrichtungen statt. In den Jahren 1957-58 wurde das Gefängnis abgerissen, erhalten blieben nur Teile der Gefängnismauer und drei Beamtenwohnhäuser, die heute unter Denkmalschutz stehen. Der Beamtenfriedhof blieb bestehen, der Gefangenenfriedhof wurde zu Kleingärten umgewandelt, einen Großteil des Areals nutzte das Tiefbauamt als Lagerfläche. Nach dem Fall der Mauer lag das Gelände plötzlich wieder in der Mitte der Stadt. Die Verkehrsplanung sah vor, den Tiergartentunnel hier langzuführen, was eine vollständige Zerstörung des Areals bedeutet hätte. Nur nach zähem Ringen und öffentlichem Druck, verantwortungsvoll mit der Geschichte dieses Ortes umzugehen, wurde der Verlauf des Tiergartentunnels nach Osten verschoben.       

 

Der Geschichtspark heute

Heute ist von all den Schrecken und all dem Leid, das Menschen von Menschen an dieser Stelle angetan wurde, nichts mehr zu erahnen. Stelen an jedem der drei Eingänge weisen aber auf die Vergangenheit hin und klären über die Geschichte des Gefängnisses und die Schicksale seiner Insassen auf.

 

Umgeben ist der Park von den ehemaligen Gefängnismauern, fünf Meter hohen Backsteinmauern. Sobald man den Park betritt herrscht – Ruhe. Und das, wie eingangs erwähnt, an einem der trubeligsten Punkte Berlins. Aber der Geschichtspark ist nicht nur eine weitere Oase im an Grün nicht mangelnden Berlin. Sein Konzept inkludiert die Vergangenheit des Ortes; die gärtnerischen Elemente stellen die wichtigsten Merkmale des einstigen Gefängnisses dar.

 

Viereckige, zu einem Würfel gefügte Betonpfeiler markieren den Standort des zentralen Baus, von dem aus die Zellenflügel überwacht wurden. An den kreisförmigen Platz grenzen dichtstehende Blutbuchen, welche die vormalige Lage des Verwaltungsgebäudes zeigen. Auch die drei Freiganghöfe sind zu erkennen. Wacholderbäume stellen die Häftlinge in ihren viel zu kleinen Höfen dar. Weitere Bodenreliefs zeigen die sternförmigen Flügel des Bauwerkes auf. Drei der vier Zellenflügel sind an ansteigenden oder abgesenkten Rasenebenen erkennbar. Auf der Fläche des vierten Traktes symbolisieren Hecken aus Hainbuchen Lage und Größe einzelner Zellen. All das ist irrsinnig beklemmend wenn man sich vergegenwärtigt, was es darstellen soll.

 

Man kann die Tristesse und die Verzweiflung aber noch intensiver spüren - eine Haftzelle ist durch Betonwände nachgebildet und kann betreten werden. Die Enge und Beklemmung ist sofort zu spüren. Drinnen beginnt nach Betreten eine Klanginstallation mit einigen der "Moabiter Sonette" von  Haushofer, welche er in seiner Haftzeit 1944/45 verfasst hat. An der gegenüberliegenden Wand wurde in großen Lettern ein Auszug aus einem der Sonette angebracht: “Von allem Leid, das diesen Bau erfüllt, ist unter Mauerwerk und Eisengittern ein Hauch lebendig, ein geheimes Zittern …“

Trotz aller historischen Bezüge hat der Park einen hohen Erholungswert. Wer einfach nur Momente der Ruhe sucht, unterschiedliche Gartenräume, einen Rückzugsort mitten in der Stadt – der wird hier fündig. Wer nicht aufmerksam ist, dem fallen eventuell noch nicht einmal die Infostelen oder die Symbolik der Bepflanzung auf. Seit Oktober 2006 gibt es diesen Park, er wurde fast zeitgleich mit dem Hauptbahnhof fertig und ist dennoch auch vielen Berlinern, die auf der Invalidenstraße vorbeihasten, nicht bekannt. Anhalten, eintreten, eintauchen und gedenken lohnen an diesem Ort, der uns heute die positive Seite der Stille zukommen lässt.      

 

Lehrter Strasse 5B - Moabit /  im Winter täglich 08:00 - 16:00 im Sommer 08:00 - 21:00 / S-Bahn 3-5-7-9-75 Hauptbahnhof - U55 Hauptbahnhof - Tram M5-8-10 Hauptbahnhof - Bus M41-85-TXL-120-123-245 Hauptbahnhof 

 

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