Murellenschlucht mit Schanzenwald und Fließwiese Ruhleben

Vom S-Bahnhof Pichelsberg oder von der überlauten Heerstraße sind es nur ein paar hundert Meter bis man eines der weniger bekannten Erholungsgebiete Berlins erreicht: das Naturschutzgebiet Murellenschlucht mit Schanzenwald und der Fließwiese Ruhleben.

 

Von der Glockenturmstraße geht direkt hinter den S-Bahngleisen ein Pfad rechts ab. Am Ende des Geländes des Berliner Erdgasspeichers geht man entweder geradeaus oder rechts – so oder so rum gelangt man mehr oder weniger direkt zur Murellenschlucht. Die Schlucht ist eine Toteisrinne, die quer zum Berliner Urstromtal verläuft. Während der Weichseleiszeit war Berlin von Eismassen bedeckt, die sich auf Grund ihrer Größe und Schwere in den Untergrund eingruben. Beim Abtauen am Ende der Eiszeit entstand die Endmoränenlandschaft des Grunewalds, zu dem die Murellenschlucht gehört, auch wenn sie inzwischen dank der baulichen Eingriffe des Menschen von diesem komplett getrennt ist. Aber nicht nur vom Grunewald ist die Murellenschlucht getrennt; im Zuge der Baumaßnahmen zu den Olympischen Spielen 1936 wurde sie durch die Aufschüttung des heutigen S-Bahndammes auch vom Stößensee abgetrennt.

 

30 Meter ist der Talkessel tief, ihr nord-östlicher Abschluss ist der 62m hohe Murrellenberg an dessen Ende wiederum die Fließwiese Ruhleben anfängt. In nord-westlicher Richtung geht die Schlucht in den Schanzenwald über. Im südöstlichen Ausläufer der Murellenschlucht wurde 1934-36 die Waldbühne errichtet.

 

Seit 1993 steht das gesamte Gebiet unter Naturschutz: In der mit seltenen Pflanzen bewachsenen Schlucht wurden 97 verschiedene fliegende Insekten registriert, von denen 57 selten oder gefährdet sind. Auch elf seltene Schmetterlingsarten leben dort.

Läuft man bis zum Ende der Schlucht, gelangt man zum Schanzenwald. Und wie so oft in Berlin ist das ein vom Militär geprägtes Areal. Ab 1840 wurde der Wald vom preußischen Heer als Übungsgelände und Schießplatz genutzt, der Name Schanzenwald bezieht sich auf die Errichtung von Kasernen und Schießständen. Die Nazis schließlich errichteten auf dem Gelände eine Exekutionsstätte für Wehrmachtsangehörige. Zwischen dem 12. August 1944 und dem 14. April 1945 wurden hier Deserteure, Wehrdienst- und Befehlsverweigerer unterschiedlicher Dienstgrade, mehrheitlich nach Urteilen des Reichskriegsgerichtes, standrechtlich erschossen. Die genaue Anzahl der Opfer ist nicht bekannt,  230 von Ihnen konnten bisher namentlich ermittelt werden; viele der Opfer wurden nach der Exekution im Spandauer Fort Hahneberg beerdigt. Erst 1998 übrigens hob der Deutsche Bundestag die rechtsstaatswidrigen Entscheidungen der NS-Terrorjustiz auf und sprach den Opfern “Achtung und Mitgefühl” aus.

 

Im Herbst 2000 lobte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung einen Wettbewerb für ein Mahnmal aus, den die Berliner Künstlerin Patricia Pisani gewann: 106 Verkehrsspiegel wurden entlang des 500 Meter langen Waldweges von der Glockenturmstraße am Olympiastadion bis in die Nähe des Erschießungsortes hinter der Waldbühne aufgestellt. Stehen am Anfang nur vereinzelt Spiegel verdichtet sich ihre Anzahl gegen Ende immer mehr bis sie am Schluss in großer Zahl komprimiert beieinander stehen. Auf 16 Spiegeln informieren eingravierte Texte über das Geschehen, die restlichen 90 Spiegel sind ohne Text. Die Installation erklärt die Künstlerin wie folgt: “Wie Verkehrsspiegel auf Gefahrenstellen im Straßenverkehr hinweisen, sollen sie auch hier eine spezifische Situation vor Augen führen, die außerhalb des Gesichtsfeldes liegt und auf diese Weise virtuell auf die verdrängten Verbrechen der NS-Justiz verweisen.” Ein beeindruckendes Mahnmal. 

Von 1945 bis 1991 nutzten die Briten den Schanzenwald militärisch, danach übernahm die Berliner Polizei das Gelände. 2007 schließlich wurde der größte Teil des ehemaligen Sperrgebiets als rund 38 Hektar große Erholungsfläche nach 150 Jahren militärischer Nutzung der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht. Erstaunlicherweise konnte sich trotz der massiven Eingriffe durch die militärischen Anlagen wie Schießschutzwälle, Kugelfänge und Zaunanlagen ein sehr diverses Biotop entwickeln.

 

Vom Schanzenwald geht es über den Murrellenberg in nördlicher Richtung zur Fließwiese Ruhleben. Seit 1959 ist diese bereits als Naturschutzgebiet ausgewiesen und erstreckt sich rund 1 km bis zum Hempelsteig in Ruhleben. 11,8 Hektar ist das Feuchtgebiet groß und wird durch verschiedene Wasserpflanzen und ausgedehnte Sumpflandschaften charakterisiert. Die teilweise offenen Wasserflächen sind im Sommer von einer dichten, feinen Pflanzendecke aus Wasserlinsen bedeckt, aufgrund des stark schwankenden Wasserspiegels im Sommer und im Winter verändert sich das Erscheinungsbild der Fließwiese immer wieder stark.  

Das Verlandungsmoor ist vor allem für seinen Amphibienreichtum bekannt, darunter insbesondere der streng geschützte Nördliche Kammmolch, aber auch die Graugans hat hier ein innerstädtisches Brutgebiet, neben Teichrohrsänger, Rohrweihe und Zwergtaucher. Auch seltene Libellenarten sind an der Fließwiese zu Hause. Bänke am Rande des Weges laden zum Verweilen ein – wer geduldig ist bekommt ein paar schöne Exemplare der ansässigen Fauna zu hören und zu sehen.

 

Am Hempelsteig geht man rechts – im Winter ist ein Blick zum Glockenturm durch die laublosen Bäume möglich. Kurz darauf erreicht man den U-Bahnhof Ruhleben, alternativ läuft man den gleichen Weg zurück bis zum S-Bahnhof Pichelsberg.     

 

Charlottenburg / S-Bahn S3-S9 Pichelsberg - Bus M49-X34-X49-218 Stößenseebrücke - U2 Ruhleben

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