Reinickendorf - elf Stadtteile bilden einen Bezirk

Reinickendorf heißt sowohl der Bezirk als auch einer der elf Stadtteile, die den Bezirk bilden. 1920 wurden durch das Groß-Berlin-Gesetz die sechs Landgemeinden Reinickendorf, Wittenau, Tegel, Heiligensee, Hermsdorf bei Berlin und Lübars, der westliche Teil der Landgemeinde Rosenthal sowie die Gutsbezirke Frohnau, Tegel-Schloss, Jungfernheide-Nord und Tegel-Forst-Nord zum Bezirk Reinickendorf zusammengeschlossen. Historisch und in ihrer Entwicklung haben die einzelnen Stadtteile wenige Verbindungspunkte und auch in der Gegenwart könnten die Gegensätze teilweise größer nicht sein.  

 

Flächenmäßig ist Reinickendorf der fünftgrößte Bezirk Berlins und ist Heimat sowohl des UNESCO Weltkulturerbes Weiße Stadt - einer Großsiedlung der Berliner Moderne - aber auch des ältesten Baums Berlins, der dicken Marie, die seit 900 Jahren im Tegeler Forst steht. Den Namen hat sie von Wilhelm und Alexander von Humboldt, die die Stieleiche nach der Köchin der Familie benannten. Zwanzig Meter ist sie hoch, mit einem Stammumfang von sechseinhalb Metern und es mutet wie Glück an, das das moderne, schluderige Berlin sie noch nicht zu Fall gebracht hat.   

 

33% des Bezirkes bestehen aus Wasser oder Wald – ein Berliner Rekord. Das einzigartige Tegeler Fließtal ist ein hochkomplexer Lebensraum mit Niedermooren, Trockenhängen, Feucht– und Frischwiesen und Heimat von sechs geschützten Tierarten, wie des schon ausgestorben geglaubten Schmetterlings Auwald-Herbsteule, dazu von neun geschützten Vogelarten  - bemerkenswert für eine Millionenstadt. Seit Mai 2015 beweiden Wasserbüffel die Sumpfgrasflächen; Fischotter und Biber tummeln sich in den Gewässern, Neuntöter, Braunkehlchen und Sperbergrasmücke, um nur einige zu nennen, siedeln hier. Auf ausgewählten Wegen erschließt sich dem Besucher das Gebiet. Besonders beeindruckend ist der Abschnitt zwischen Hermsdorf und Lübars: der Weg führt teilweise über einen Bohlensteg direkt durch die Bachaue mit seltenen Einblicken in eine urige Sumpflandschaft, die an die großen Flussmoore im Osten Europas erinnert.    

 

Reinickendorf selbst ist ein typisches brandenburgisches Angerdorf, erstmals urkundlich erwähnt 1230, in dem bis zur Industrialisierung nicht wirklich viel passierte. Erst durch den Bau der Nordbahn, der Kremmener und der Heidekrautbahn wurde der Ort zu einem gut erschlossenen Vorort.      

Tegel, Frohnau und das Märkische Viertel

Einige seiner Nachbarn haben allerdings eine ganz andere Vergangenheit. Zum Beispiel Tegel, gesegnet mit einem Schinkel Schloss in dem Alexander und Wilhelm von Humboldt ihre Kindheit und Jugend verbrachten. Heimat des Russisch-Orthodoxen Friedhofes und dieser Tage  beliebtes Ausflugsziel, sei es für einen Bummel an der Greenwich Promenade oder eine Schifffahrt auf der Havel, Blick auf die Villa Borsig - heute Gästehaus  des Auswärtigen Amtes - inklusive.   

 

Zu Reinickendorf gehört ebenfalls die Villensiedlung Frohnau, konzipiert ab 1908 von der Berlin-Terrain-Centrale des Guido Graf Henckel Fürst von Donnersmarck als Gartenstadt.  Nirgendwo in der Hauptstadt ist heute die Kaufkraft eines durchschnittlichen Haushaltes höher als hier, nicht in Zehlendorf, nicht in Grunewald und nicht in Mitte. In Frohnau ist man in zweierlei Hinsicht also in „Berlin ganz oben“.    

 

Auf einer anderen Stufe der sozialen Leiter lebt es sich im Märkischen Viertel, einer Großraumsiedlung mit teils schwieriger Vergangenheit aber dank beherzter Einwohnerinitiative gelingt inzwischen eine positive Identifikation vieler Bewohner mit ihrem Viertel und das MV, wie sie es nennen, wird von seinen Anwohnern, die eine gewachsene soziale Mischung darstellen, akzeptiert und gestaltet.

 

Raubritter, Borsig, ein Dorf und ein Kurort

Heiligensee, gelegen auf einer Halbinsel zwischen Havel und dem Heiligen See, erstmals nachweislich besiedelt 2000 v.Chr. – und somit die älteste Ansiedlung im Großraum Berlin – gehört seit 1920 ebenfalls zu Reinickendorf. Einst Pilgerstätte im Mittelalter als blutende Hortensien in einer von Raubrittern zerstörten Kirche gesichtet wurden. Und Ort einer weiteren Legende – Glocken liegen am Grund des Heiligen Sees. Vor langer Zeit versunken, tauchen sie manchmal wieder auf, mitten im See liegend und sich in der Sonne wärmend. Es gibt aber nicht nur Sagen in Heiligensee – es ist bis heute Sitz der Firma Underberg, der immer noch exklusiv nur hier zubereitet wird.  

 

Borsigwalde, das - wie der Name schon verrät - für die Arbeiter der Firma Borsig 1899-1909 erbaut wurde, als Borsig seinen Produktionsstandort von Mitte nach Tegel verlegte, ist ein weiterer Ortsteil. In der  Conradstraße, der Räuschstraße und der Schubartstraße findet man heute noch ein nahezu geschlossenes Fassadenbild mit zwei- bis dreistöckigen Wohnhäusern in gotisch-barocker Stilmischung. Ein Zeugnis des verantwortlichen Unternehmers, der sich um seine Leute kümmert – auch, wenn es oft nur darum ging, dass sie nicht alle die Sozen oder Kommunisten wählen sollten.  

 

Der Ortsteil Konradshöhe geht auf eine Erschließung von 1865 zurück; der Kupferschmiedemeister Theodor Rohmann errichtete eine kleine Siedlung und benannte sie nach seinem ältesten Sohn „Conrads Höh“. Im Laufe der Jahre entstanden in Konradshöhe viele Villen, umgeben von Grün und Wasser - auf der einen Seite die Havel, auf der anderen das Ende des Tegeler Sees.

 

Lübars ist Berlins ältestes und schönstes Dorf. Noch heute mit Dorfkrug, umgeben von Feldern und Wiesen und als Reiterstandort weit über Berlin hinaus bekannt.

 

Hermsdorf durchzogen vom Tegler Fließtal, mit vielen Villen und Landhäusern, kurzfristig Kurort nach Erschließung einer Solequelle, Heimat nicht nur wohlhabender Berliner sondern zweitweilig auch für Erich Kästner und Max Beckmann. Im alten Schulhaus befindet sich heute das Heimatmuseum Reinickendorf mit sehenswerter Ausstellung zur Geschichte der Ortsteile und des Bezirks und einem Ausstellungsraum, der der großartigen Hannah Höch gewidmet ist. Als Dreingabe gibts noch ein paar original Beckmann im Treppenhaus.  

Franzosen und Gemeinsamkeiten

Das frankophile Waidmannslust, einst einzig eine Gaststätte betrieben vom Tegeler Förster, später Villenkolonie zur Sommerfrische, beherbergte zu Zeiten des Alliierten Kontrollrates die Residenz des französischen Botschafters in Berlin und war Heimat für fast 9.000 Franzosen, die noch nach 1994 dem Stadtteil die Treue hielten. Allerdings hat die Neuzeit Waidmannslust auch Narben hinterlassen  - das 1966-1971 errichtete Viertel Rollberge Siedlung mit Hochhäusern, droht sozial immer wieder umzukippen und hat inzwischen eine schlechtere Soziallage als das Märkische Viertel.

 

Wittenau, Heimat der Cité Foch, entstanden zwischen 1952 – 1977 als Wohngegend der französischen Streitkräfte, hat in seinem historischen Kern am Eichborndamm bis heute einen baumumrandeten Dorfanger mit Dorfaue, Dorfkirche und einige ältere Bauernhäuser. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Wittenau 1351.


Eine gemeinsame Geschichte hat der Bezirk kaum, aber dennoch Gemeinsamkeiten: die echten Berliner sind in der Überzahl. 57% der in Reinickendorf lebenden Einwohner sind gebürtige Berliner. In Mitte können das nur noch knapp 30% von sich behaupten. Und die Innenstadtberliner kommen noch heute gerne am Wochenende und im Sommer, um sich zu erfrischen, um für ein paar Stunden der Hektik und dem Lärm der Großstadt zu entfliehen.        

 

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