Rundgang durch die Gartenstadt Frohnau

In Frohnau ist man in zweierlei Hinsicht in Berlin „ganz oben“. Geographisch liegt es im hohen Norden von Reinickendorf; nur Buch ragt noch weiter nördlich nach Brandenburg hinein. Und - nirgendwo in der Hauptstadt ist aktuell die Kaufkraft eines durchschnittlichen Haushaltes höher als hier, nicht in Zehlendorf, nicht in Grunewald und nicht in Mitte. Diese Exklusivität des Villen- und Landhausviertels für Bessergestellte war bereits von Anfang an gegeben und hat sich bis zum heutigen Tag erhalten.  

 

Das kleine Geschichtsbuch

Die Geschichte Frohnaus beginnt 1907, als Guido Graf Henckel Fürst von Donnersmarck dem Baron Werner von Veltheim-Schönfließ 3.000 Morgen Wald in der Stolper Heide, rechts und links der bereits angelegten Nordbahn, abkaufte. Donnersmarck, zeitweilig der zweitreichste Mann im Land - 1908 versteuert er nach einem von Bohlen und Halbach das zweithöchste Einkommen im Reich - ein enger Freund sowohl Bismarcks als auch des Kaiser Wilhelm II, war ein Mann seiner Zeit: umtriebig, zielstrebig, unternehmerisch vielfältig engagiert aber auch sozial und auf das Wohlergehen seiner Arbeiter bedacht. Kurz vor seinem Tod 1916 stiftete er 250 Hektar Land in Frohnau für die neugegründete Fürst-Donnersmarck-Stiftung und stattete diese mit 4 Mio. Mark aus, um die ersten ersichtlichen Verwerfungen des Ersten Weltkrieges aufzufangen.  

 

Den 1907 erworbenen Grundbesitz übertrug er der ihm gehörenden “Berliner Terrain-Centrale GmbH”, mit der Absicht, eine Gartenstadt zu errichten. Nach der Ausschreibung eines Wettbewerbs zur städtebaulichen Planung im Jahre 1908 wurde die Anlage der Gartenstadt Frohnau - Frohe Aue -  von den Gewinnern, den Charlottenburger Architekten Joseph Brix - Namensgeber des Brixplatzes im Westend - und Felix Genzmer, verwirklicht. Die Planung von Brix und Genzmer sah vor, die Anlage in 284 Blöcke unterschiedlicher Größe und Form aufzuteilen, die wiederum in 6.000 Parzellen von je 1.000 Quadratmetern aufgeteilt wurden. Die maximale Einwohnerzahl war auf 30.000 Menschen begrenzt. Bauwillige waren, nach einem Ansiedler-Verzeichnis von 1912 im wesentlichen Bankiers, Fabrikbesitzer, Wissenschaftler, Kaufleute, gehobene Beamte und Handwerksmeister.

 

Ludwig Lesser, seit 1908 Gartendirektor der “Berliner Terrain-Centrale”, konzipierte nach englischem Prinzip die Grünzüge, die Gestaltung der Plätze, vor allem der beiden zentrale Plätze Ludolfinger- und Zeltingerplatz sowie die Bepflanzung der Straßen und Alleen mit 10.000 Bäumen. Später folgte ein Poloplatz, der bis 1932 in Benutzung war. 

 

Die offizielle Einweihung Frohnaus fand am 7. Mai 1910 statt, allerdings stockte die Entwicklung auf Grund des Ersten Weltkrieges rasch. Große Teile Frohnaus nördlich der Schönfließer Straße und östlich des Oraniendamms bis zum Hubertussee, wurden nie bebaut, obwohl bereits Straßen mit Pflasterung, Bordsteinen und Bürgersteigen angelegt worden waren; und so kann man noch heute  durch den Frohnauer Forst auf gepflasterten Wegen spazieren gehen.

 

Frohnau entwickelte sich in den Nachkriegsjahren zu einem Wohnort für Künstler und Intellektuelle. Vor dem Zweiten Weltkrieg scherzten die Berliner: “Die halbe Berliner Oper wohnt in Frohnau”. In der Tat war Frohnau eine bevorzugte Wohnlage für heute einem breiten Publikum nicht mehr bekannte Sänger, wie G. Ditter, E. Habich, G. Pistor und Maria Müller. Zu den berühmten Bewohnern  Frohnaus zählte Carl Einstein, einer der einflussreichsten Kunsthistoriker des frühen 20. Jahrhunderts, die Dichter Eberhard König, Werner Jansen, Walter von Molo und der Schriftsteller Oskar Loerke.

 

Im April 1945 wurde Frohnau von den Russen besetzt, gehörte ab August 1945 dann aber zum Französischen Sektor. Im Westen, Norden und Osten umgab den Ortsteil die DDR. Der sogenannte „Entenschnabel“ – eine Exklave Ost-Berlins, ragte an der Oranienburger Straße nach Frohnau hinein, weshalb Frohnau bis zur Maueröffnung im Wesentlichen nur über drei Straßen vom südlich gelegenen Ortsteil Hermsdorf her erreichbar war. Die Rote Chaussee, die Frohnau durch den Tegeler Forst mit Heiligensee verband, wurde vom französischen Militär angelegt.

 

Der Entenschnabel

Die einfachste Anreise nach Frohnau hat man natürlich mit der S-Bahn, deren Bahnhof im Zentrum des Ortsteiles liegt. Wir aber beginnen unseren Rundgang mit der etwas beschwerlicheren Anreise zum Entenschnabel. Der Vorteil liegt auf der Hand, wenn nach Beendigung des Rundgangs unsere Glieder müde geworden sind. Vom S-Bahnhof Hermsdorf fahren die Busse 326 / 806 / 809  die knapp 1,5 km bis zur Veltheimstraße, alternativ geht ab S-Bahnhof Wittenau der Bus 220. 

 

Der Entenschnabel war eine DDR-Exklave auf dem Gebiet West-Berlins. Jahrhundertelang hatte der eigenartige Verlauf der Gemarkungsgrenze zwischen Hermsdorf, Frohnau und dem zum Barnim gehörenden Glienicke niemanden interessiert, bis das nach dem Zweiten Weltkrieg ganz plötzlich anders wurde. Schon ab 1952 wurde die Bundesstraße gesperrt und die Verbindung nach West-Berlin durch Gräben unpassierbar gemacht. Während in der Innenstadt das Wechseln von Ost nach West und umgekehrt noch problemlos möglich war, wurden in den Außenbezirken bereits lange vor dem Bau der Mauer Tatsachen geschaffen. Kinder unter 14 Jahren durften nur noch in Begleitung eines Erwachsenen vom Entenschnabel aus nach Hermsdorf oder Lübars am Kontrollposten vorbei, am 13. August 1961 war dann der „Rüber und Nüber Verkehr“ für alle vorbei.

 

Die Exklave bestand aus zwei Straßen, dem Falkenweg und Am Sandkrug. Da die Grenze auf Grund der geographischen Gegebenheiten nicht so massiv gesichert werden konnte - die Geländeziehung ging von 120 Metern an der breitesten, bis 50 Metern an der schmalsten Stelle zum Westen - wurde rasch ein sehr strenges Grenzregime eingeführt. Besucher benötigten einen Passierschein, den üblicherweise nur Verwandte ersten Grades bekamen, mehrere Bewohner wurden zwangsumgesiedelt und linientreue Genossen bekamen die freiwerdenden Häuser. Eine Weile galt Am Sandkrug als „Klein Moskau“. Heute erinnert kaum noch etwas an diesen absurden Mauerverlauf. An der Oranienburger Straße X Falkenweg erinnert eine Stele an die Vergangenheit, am Silvesterweg X Am Sandkrug finden sich noch kleine Reste der Mauer.

 

Villen und Stille führen zum Buddhismus

Über die Treppen der Straße 114a erreichen wir Frohnau. Am Rosenanger biegen wir in die Langohrzeile – Haus #7 ist als Denkmal klassifiziert – und erreichen über den Fürstendamm die Häuser #25-26,27,30,52 als besonders schöne Beispiele der Villenarchitektur, Eltviller Straße, Markgrafen – Haus #18/24 beachten – Rüdesheimer Straße und Enkircher Straße das Buddhistische Haus. Flankiert wird unser Weg von altem Baumbestand, edlen Villen und einer vornehmen Stille.

 

1922 -1924 erbaute Dr. Paul Dahlke das Buddhistische Haus in Frohnau. Ursprünglich hatte er sein buddhistisches Zentrum auf Sylt realisieren wollen, aber nach dem Bau des Hindenburgdamms, welcher nun die Insel mit dem Festland verband, fürchtete er um die Abgeschiedenheit. Dahlke hatte auf zahlreichen Reisen nach Ostasien den Buddhismus kennengelernt, studiert und für sich entdeckt.   

 

Wie damals durchschreitet man noch heute ein der indischen Tempelarchitektur entlehntes, kunstvoll verziertes Elefantenportal. Über eine Treppe mit 73 Stufen und acht Absätzen erreicht man den doppelflügeligen Hauptbau. Die Stufen symbolisieren die 73 Arten des Wissens eines Buddhas und die Treppenabsätze den “edlen achtfachen Pfad” zur Erlösung eines Buddhas. Das Hauptgebäude auf der Anhöhe weist einen mit singalesischen Stilelementen verzierten Turm auf. Hinter dem Hauptbau befindet sich der sogenannte Tempel, eine Meditationshalle mit Pagodendächern im japanischen Stil.

 

Nach dem Tod Dahlkes 1928 übernahm seine Schwester Bertha die Leitung des Hauses bis unter den Nationalsozialisten der Buddhismus verboten wurde. Die tolerante Lehre mit ihrem allumfassend liebenden Gott passte natürlich nicht zur Ideologie der Nazis. Nach dem Krieg beherbergte das Haus zunächst Flüchtlinge, Teile des parkähnlichen Gartens wurden von den Nachkommen Dahlkes verkauft bis 1957 die „German Dharmaduta Society” aus Colombo das Haus erwarb und die Arbeit Dahlkes weiterführte. Getreu dem Motto Dahlkes „Was wir tun, soll jeder sehen können. Was wir reden, soll jeder hören können. Was wir denken, soll jeder wissen können.“ steht das Buddhistische Haus und der Garten bis heute allen Besuchern offen.  

 

Kalter Krieg, ein bisschen Schinkel und la vie française

Nach diesem Ausflug in die Spiritualität biegen wir rechts in den Edelhofdamm. An der Ecke Oranienburger Chaussee lohnt ein Blick zum auf der gegenüberliegenden Seite stehenden Haus #68. Hier erinnert ein weiteres „Mauerdenkmal“ an den Verlauf der Stadtgrenze. Der ehemalige Kaiserpark wurde als Schmuckplatz in rechteckiger Form von Ludwig Leser angelegt und diente als repräsentative Grünanlage am Ortseingang Frohnaus. Ein aus Steinen gebauter und mit Ziegeln gedeckter Pavillon, Blumenrabatten, Eiben in gleichmäßigen Abständen, dahinter ein naturbelassenes Waldstück mit Birken und Kiefern sollten dem potentiellen Grundstückskäufer den Eindruck einer “Stadt im Grünen” vermitteln. Heute führen zwei Fahrspuren am Edelhofdamm entlang, der parkähnliche Mittelstreifen trägt den etwas sperrigen Namen Josef Brix und Felix Genzmer Park.

 

Wir folgen dem Grün zurück Richtung Buddhistisches Haus. Diesem gegenüber im Park befindet sich ein Gedenkstein für den Polizeioberwachtmeister Herbert Bauer, der am 25. Dezember 1952 von sowjetischen Soldaten im Dienst erschossen wurde, als er drei Personen, die auf der Grenze des französischen zum sowjetischen Sektor mit Soldaten in Konflikt geraten waren, zu Hilfe kommen wollte. Die Empörung und die Wut der West Berliner Bevölkerung über diesen Vorfall waren groß, die Fahrt des Leichenwagens von Frohnau nach Tegel soll von Hunderttausenden an den Straßen gesäumt worden sein, der Senat ordnete für den 30. Dezember 1952 Staatstrauer an. Bis heute sind die genauen Tat- und Todesumstände nicht völlig geklärt; eine französisch-sowjetische Kommission arbeitete den Vorfall unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf. Man darf spekulieren, dass keiner der Alliierten gewillt war wegen eines niedrigrangigen Polizisten den fragilen Frieden zu gefährden. Diese Umstände und Hilflosigkeit sollten die Berliner noch häufiger erfahren.

 

In direkter Nachbarschaft findet sich ein korinthisches Kapitel des Schinkel Doms, den Kaiser Wilhelm II 1893 abreissen ließ, um ihn durch den monumentalen Berliner Dom zu ersetzen. Es wird vermutet, dass Brix und Lesser, dieses und andere Kapitele vor der Zerstörung retteten, um sie entweder als Anschauungsmaterial für ihre Studenten oder als Verschönerungsobjekte für Gartenanlagen einzusetzen. 

 

Richtung Westen dem Park bzw. dem Damm folgend, bewundern wir die ausgesprochen schöne Architektur. Besonders bemerkenswert sind die Häuser Edelhofdamm #31,32,40,42,45,49,67. Über Katzensteg und Fuchssteinerweg  erreichen wir das Centre Bagatelle. 1925 wird das Haus von den Architekten Paul Poser und Bernhard Bamm für den Industriellen Herbert Worch, Generaldirektor der Versicherung Deutscher Herold, erbaut. Mehrmals wechseln im Laufe der Zeit die Besitzer bis 1940 die Ortsgruppe der NSDAP das Haus kauft. 1945 besetzen die Sowjets die Villa. Nachdem Frohnau dem französischen Sektor zuerkannt wird, richten die Franzosen dort ein Kulturzentrum ein und benennen es „Cercle la Bagatelle“, nach einem im 18. Jahrhundert errichteten Schlösschen im Bois du Boulogne.

 

Bereits ab 1950 sind deutsche Besucher willkommen, legendäre Sommerempfänge werden veranstaltet, bei denen Deutsche und Franzosen gemeinsam die französische Lebensart genießen; hauptsächlich wird aber der Kultur durch Ausstellungen, Lesungen und Konzerte gefrönt. 1993 übergeben die Franzosen das Gebäude dem Bezirk Reinickendorf mit der Auflage, es zukünftig für die kulturellen Belange der Reinickendorfer Bevölkerung und die Fortentwicklung der deutsch-französischen Freundschaft zu halten und weiter zu führen. Allerdings - dem kommt die deutsche Bürokratie bald in die Quere; Veranstaltungen dürfen nur stattfinden, wenn ein Hausmeister da ist. Da Landesbedienstete aber in den 90er Jahren von Stundenkürzungen betroffen sind, kann das Haus immer weniger genutzt werden, bis der Bezirk 2005 beschließt, das Gebäude zu veräußern. Daraufhin gründet sich ein Förderverein, der nach vielen Kämpfen das Haus und das Kulturzentrum 2006 übernehmen kann und seitdem engagiert führt.

 

Über die Senheimer Straße – Häuser # 19 und 22 sind als Baudenkmale klassifiziert - erreichen wir den Ludwig-Lesser-Park. Ursprünglich hieß der Park schlicht Erholungspark, wurde 1935 nach dem in Frohnau wohnhaft gewesenen Kunstmaler Ernst Schwartz umbenannt, der als SA-Reserveführer 1932 bei einer Schlägerei mit Kommunisten erstochen worden war. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs benannte die Rote Armee das Gelände in „Park der Roten Armee“ um. In Gedenken an rund 30 in Frohnau gefallene Soldaten errichteten sie ein Ehrenmal, welches am 22. Juni 1945 eingeweiht wurde. 1951 erfolgte der Abriss des Ehrenmals, nachdem zuvor alle gefallenen Soldaten in den sowjetischen Soldatenfriedhof nach Schönholz überführt wurden. Sieben Jahre später wurde der Park nach Lesser benannt. Südlich des Parks an der Markgrafen Straße – Haus #74, 69, 65 nicht verpassen - befindet sich allerdings noch ein Kriegerdenkmal – von Poser für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges errichtet. Der Park selbst ist relativ naturbelassen, ein weiteres Schinkel-Dom- Kapitel findet sich hier, ein Regenwasserteich und ein Spielplatz.

 

Wer will durchquert den Park und erreicht nördlich davon den ursprünglich von Lesser als Freizeit- und Erholungspark geplanten Poloplatz, der von 1913 bis 1932 zum Polospielen genutzt wurde. Heute befinden sich mehrere Reitställe in der Nähe des Geländes, das nach dem Zweiten Weltkrieg als “Centre Hippique” von den französischen Alliierten und von 1953 bis 1958 vom Reiterverein Nord-Berlin genutzt wurde. Das Landhaus am Poloplatz, in dem sich heute ein italienisches Restaurant befindet, wurde 1911 von Paul Poser erbaut.        

 

Das Zentrum

Jetzt aber führt uns der Weg endlich ins Zentrum Frohnaus. Gebildet wird es seit jeher von Ludolfinger- und Zeltinger Platz, welche durch die Frohnauer Brücke verbunden sind.

 

Der halbrunde Zeltinger Platz, der einen Durchmesser von 190 Metern hat, bildet das östliche Gegenstück. Bis 1937 hieß er übrigens Cecilienplatz, benannt nach Cecilie zu Mecklenburg, der letzten deutschen Kronprinzessin. Der heutige Name geht auf den Ort Zeltingen in Rheinland-Pfalz zurück. Hauptattraktion am Platz ist die weinberankte Pergola aus Kunststein, welche die Aussichtsterrasse auf der geraden Seite des Platzes umrahmt. Die Terrassenanlage, von der beidseitig Treppenanlagen in den tiefer gelegenen, gärtnerisch gestalteten Bereich führen und die sich halbkreisförmig in die Form des Platzes hineinschiebt, wurde von Paul Poser geplant. Von 1931 bis 1942 schmückte die Bronzeskulptur „Kugelläuferin“ des Bildhauers Otto Maerker das runde Brunnenbecken am Westrand des Zeltinger Platzes. Im Krieg wurde die Bronzefigur eingeschmolzen und erst 1980 konnte eine Nachbildung des Originals durch den Bildhauer Harald Haake aufgestellt werden. Seitdem balanciert die nackte Sportlerin wieder in der Mitte des Brunnens. 

 

Fünf Straßen gehen strahlenförmig vom Platz ab, an seiner Ostseite erhebt sich mächtig die 1933-36 erbaute evangelische Johanneskirche. Die Architekten Walther und Johannes Krüger, unter anderem auch Erbauer des Freibads Plötzensee und des Tannenberg Denkmals in Olsztynek, damals Hohenstein in Ostpreußen, welches sie zum Grabmal Hindenburgs ausbauten, errichteten eine Saalkirche mit querrechteckigem Turm, einer dreiecksgiebeligen Vorhalle und einer Freitreppe. Es liegt nahe, den Westturm der Johanneskirche als Zitat der Tannenbergarchitektur zu sehen. Denn an beiden Orten wurden die seitlich anschließenden Bauten niedrig gehalten und der Turm mit einem quergestreiften Mauerverbund verblendet. Dadurch sollte der im Verhältnis zum Kirchenschiff überbreite Turm wehrhaft wirken. Der Vorbau des Turms wird von vier hölzernen Säulen geprägt. Der Künstler Karl Sylla widmete jede Säule einem der vier Evangelisten. Bemerkenswert ist, dass die Säulen für Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sowohl Symbolik der Bildtradition enthalten, als auch moderne Elemente wie etwa den Berliner Bären, einen Osterhasen oder das Eiserne Kreuz. Die Kirche ist täglich von 10:00 bis 18:00 geöffnet.     

 

Am Rande des Zeltinger Platzes befinden sich einige Geschäfte wie die Traditionsbuchhandlung Haberland, 1932 gegründet. Schreibwaren Dettke ist ein weiterer alteingesessener Betrieb, daneben die Confiserie Schiffke und eine der größten Filialen von Butter Lindner, die ich zumindest bisher gesehen habe. Den Dithmarschen Hofladen gibt es erst seit ein paar Jahren, er hat sich aber schnell etabliert und liefert den Frohnauern Spezialitäten aus – natürlich – Norddeutschland; mittags wird ein schöner Lunch serviert, allerdings gibt es nur wenige Sitzplätze drinnen. Im Sommer kann man auf die Terrasse und in die Strandkörbe ausweichen. Der Betreiber war lange Koch am Paul-Bocuse-Stand in der Gourmet Etage des KaDeWe. Bei Wein & Vinos werden Weine, Cava und Höher Prozentiges aus Spanien verkauft, die Fleischerei Katerbow hält ihre eigenen Schweine und verkauft Bestes vom Havelländer Apfelschwein und im Berliner Tabakhaus der Familie Durek können sich die Afficionados mit Zigarren Schätzen eindecken.    

 

Auf der Frohnauer Brücke befindet sich das Kaffeehaus Zeltinger, das auf eine Tradition bis 1910 zurückweist und sicherlich einer der beliebtesten Treffpunkte in Frohnau ist. Gegenüber das Piccadilly - mit nicht ganz so langer Tradition, eine urbanere Version des Caféhauses, welches sehr schnell sehr beliebt geworden ist. Wer sich stilvoll einrichten möchte ´wird bei Beate Wein Interior kundig beraten.  

 

Dreimal wöchentlich, Donnerstag, Freitag und Samstag findet ein kleiner Wochenmarkt hinter dem  Supermarkt am Zeltinger Platz statt. Der Zugang ist über den Parkplatz parallel zur Burgfrauenstraße oder über die Treppe von der Frohnauer Brücke möglich.

 

Die Architekten Gustav Hart und Alfred Lesser (nicht bekannt ob verwandt oder verschwägert mit Ludwig) entwarfen den Bahnhof Frohnau, den 30 Meter hohen Casinoturm, sowie den angrenzenden Ludolfinger Platz, der leicht kleiner ist als sein Bruder auf der anderen Seite und nur 105 Meter Durchmesser hat. Von beiden Architekten stammt übrigens auch der Bahnhof am Mexikoplatz in Zehlendorf. Der Kasinoturm war ursprünglich ein Wasserturm mit Aussichtsplattform, dem ein Kasinokomplex mit Restaurantbetrieb vorgelagert war. Im Zweiten Weltkrieg wurde er als Flakturm genutzt; Turm und Bahnhof überstanden den Krieg - wie ganz Frohnau - unbeschadet, nur das Kasino wurde zerstört.

 

Was der Kasinoturm und das ihn umgebende Ensemble nicht so gut überlebt haben ist die Neuzeit: häufige Besitzerwechsel, Geschäftsaufgaben und dubiose Investoren haben dazu geführt, dass der Komplex lange leer stand. Sehr schade ist das, denn von der Aussichtsplattform des 26,5 Meter hohen Turms kann man bei gutem Wetter angeblich den Fernsehturm sehen. Inzwischen gibt es allerdings eine teilgewerbliche Nutzung, Ausbau von 17 Mietwohnungen – es zieht wieder Leben ein und hoffentlich dürfen Besucher auch bald wieder den Turm besteigen. Die Turmfassade ziert am Eingang der Nordseite ein Hirschkopf mit einem echten Geweih, welches in ein historisches Wappen eingelassen ist; der erlegte Hirsch stammt aus dem damaligen kaiserlichen Hofjagdrevier bei Oranienburg.     

 

Der Ludolfinger Platz  ist einseitig leicht erhöht, eine Treppen- und Terrassenanlage überbrückt die Differenz. Von dem in eine kleinere und eine größere Anlage unterteilten Schmuckplatz führen ebenfalls fünf Straßen strahlenförmig in den Westteil der Gartenstadt. Ein rundes Wasserbecken mit einer Fontäne prägt die dem Bahnhof vorgelagerte kleinere Anlage. Der größere Teil des Platzes wird dominiert vom Fontänenbrunnen, der nach Entwürfen von Brix, Genzmer und Lesser gefertigt wurde und 1912 das erste Mal sprudelte.

 

Das Ristorante Pantalone am Platz hat eine eigene Pasta und Antipasti Manufaktur, gegenüber kann man bei Lua Indochine Kitchen Spezialitäten aus Vietnam und Japan genießen. Mit dem Ristorante Brescia in der Welfenallee gibt es ein weiteres sehr beliebtes italienisches Lokal und in der Eisdiele bei Franco Faldon kann man ganzjährig hausgemachtes Gelato genießen.  

 

Der Friedhof Hermsdorf liegt in Frohnau

Über Knappenpfad und Kreuzritterstrasse erreicht man den Friedhof Hermsdorf, der allerdings bereits auf der Gemarkung Frohnaus liegt. 1908/09 wurde hier zunächst ein 30 Meter hoher und 500 Kubikmeter fassender Wasserturm erbaut. Der in dieser Zeit in Hermsdorf lebende Maler Max Beckmann hat den Turm in der Bauphase in mehreren Gemälden verewigt; eines davon findet sich im Museum Reinickendorf. 1911 wurde dann im Zuge der Enstehung der Villenkolonie der Friedhof von Ludwig Lesser als Parkfriedhof angelegt. An der Frohnauer Straße befindet sich der Haupteingang mit dem imposanten Torgebäude, welches von der Inschrift " Hier ist Ruhe, Gönnet sie den Müden" gekrönt wird. Die Friedhofskapelle wurde vom Architekten Hoffmann entworfen. Auffällig ist, dass auf dem Friedhof die großen Erbbegräbnisse, wie man sie von anderen Friedhöfen reicher Gemeinden kennt, komplett fehlen.  

         

Baudenkmale wohin das Auge schaut

Lassen Sie sich weiter treiben, denn jede Straße, jedes Haus hat Charme, alles ist unheimlich idyllisch und es ist fast unmöglich alle diese wunderschönen Häuser bei einem einzigen Besuch zu ersehen. Allein auf dem Sigismundkorso gibt es zahlreiche Baudenkmale: #2,5,13-14,15,19,22,25-26,57,63,79,82,86. An der Buche 17-21 finden Sie ein Ensemble aus drei Landhäusern, erbaut 1911 von Heinrich Straumer, dem wir auch den Funkturm verdanken. Weiteres Zeugnis von Straumers Wirken ist die Villa Ludolfingerweg 54, die ein wichtiges Zeugnis bürgerlicher Architektur aus der späten wilhelminischen Zeit darstellt. Weitere bemerkenswerte Häuser finden sich in der Alemannenstraße #16,36,69, Am Grünen Hof #6,7,17, Am Grünen Zipfel #5&6 und Ludolfingerweg #35,38,54 – ich könnte ewig weiter aufzählen. Es sind einfach zu viele Schönheiten. Und vergessen Sie den Maximiliankorso nicht!  

 

Der Donnersmarckplatz ist leider nicht mehr so ansehnlich, wird aber von altem Baumbestand dominiert, Haus #1 ist allerdings unbedingt sehenswert. An der Ecke zur Alemannenstraße befindet sich ein Gedenkstein für Guido Graf Henckel Fürst von Donnersmarck.

 

An der Welfenallee wurde 1926/27 die Siedlung Barbarossahöhe des Vaterländischen Bauvereins errichtet - 30 Mehrfamilienhäuser, die sich trotz späteren Baudatums in die Ortstypik Frohnaus einfügen. Der Paul-Poser-Platz erhielt erst 2009 seinen Namen zu Ehren des Frohnauer Architekten. Weitere bemerkenswerte Villen in der Welfenallee sind die Hausnummern #11,15,47,52.

 

Wem jetzt die Glieder wehtun, Bus 220 fährt zurück zum S-Bahnhof Frohnau. Alternativ bietet sich noch ein Anschluss zur Invalidensiedlung an; Bus 125 bringt uns dorthin – es wären ansonsten 3 km zu Fuß.

 

Entstanden ist die Invalidensiedlung bereits zu Zeiten Friedrich des Großen. Für die Kriegsverletzten des Zweiten Schlesischen Krieges ließ er ab Mitte der 1740er Jahre zwei Siedlungen errichten; die eine in Berlin, die andere in der Stolper Heide. Die Siedlung in ihrer heutigen Gestalt wurde 1938 unter der Leitung des Heeresbauamtes nach Plänen der Militärbaubeamten Kallmeyer und Hagen mit 50 zweigeschossigen Klinkerhäusern mit insgesamt 50 Wohnungen, einem Wirtschaftsgebäude, dem “Haus des Kommandanten” und zwei Toreingängen mit Schilderhäuschen errichtet. Letzter Kommandant des Invalidenhauses war Oberst Wilhelm Staehle, der Kontaktmann der Widerstandskämpfer des 20. Juli zu niederländischen Widerstandsgruppen war; er wurde am 23. April 1945 im Zellengefängnis Moabit ermordet. Der Zugangsweg zur Siedlung trägt heute seinen Namen. 1953 wurde die Verwaltung der Invalidensiedlung dem Landesversorgungsamt übertragen. Mit dem Bau der Mauer 1961 war die Siedlung komplett von ihrem unmittelbaren Nachbarn Hohen Neuendorf abgeschnitten; letztlich manifestierte die Mauer aber auch hier, wie am Entenschnabel, nur die bereits vorher sehr klare Teilung und Isolation. Bis heute benötigen Bewohner einen Schwerbehindertenausweis. Am südlichen Ende der Invalidensiedlung liegt das Landhaus Hubertus – ein gastliches Haus das seinem Namen Ehre macht und solide deutsche Küche mit Twist serviert.

 

Von hier bringt uns Bus 125 wieder zur S-Bahn zurück; theoretisch könnte man auch eine Rundfahrt durch den Bezirk Reinickendorf machen und über Hermsdorf, Tegel, Reinickendorf bis zur Osloer Straße fahren. 

 

Schön ist es in Berlin ganz oben und das wissen auch heute noch die zahlreichen Prominenten und nicht Prominenten zu schätzen, die Frohnau ihr Zuhause nennen. In 20 Minuten bringt die S-Bahn einen zur Friedrichstraße und doch wohnt man hier im Grünen, in Ruhe und - auch ein bisschen -  unter sich. Das hat sich, wie anfangs erwähnt von der Ursprungsidee hinter der Gründung Frohnaus bis heute kaum geändert. Uns allen, die wir nicht das Glück haben in Frohnau zu wohnen, bleibt immerhin die Möglichkeit, Flaneure der Schönheit zu sein.   

 

S1 Hermsdorf – Bus 326 / 806 / 809 / S1 Frohnau      

 

Inspiriert zu diesem Ausflug wurde ich durch das Heft Reinickendorf von Oliver Ohmann aus der Reihe Berliner Spaziergänge des Elsengold Verlag

  

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