Plattenbau Museumswohnung

In Hellersdorf kann man sich bei einem Besuch der Plattenbau Museumswohnung WBS-70 im Grabenviertel auf eine Zeitreise begeben; für West-Berliner und West-Deutsche kommt noch ein seltener Einblick in den Alltag in der DDR obendrauf.

 

Als Anfang 2000 alle Wohnungen dieses Plattenbaublocks saniert werden sollten, entschied die kommunale Wohnungsbaugesellschaft STADT UND LAND ein Stück Baugeschichte und Wohnkultur der DDR zu bewahren und eine Wohnung als Musterwohnung herzurichten. Dadurch bekommen wir heute eine zeithistorische Gelegenheit par excellence das moderne Wohnen in der DDR zu begutachten.  

 

Denn wer in den 70er und 80er Jahren eine Plattenbauwohnung bekommen konnte, der wohnte modern und luxuriös. Eigenes Bad, Warmwasser, Fernheizung – die „Platte“ war attraktiv im Vergleich zu den zugigen und unsanierten Altbauten mit Kohleöfen und Toiletten auf halber Treppe (was es übrigens in Charlottenburg Anfang der 90er Jahre auch noch gab). All das für nur sagenhafte 109,-- DDR Mark – bei einem Durchschnittsnetto von 900,-- DDR Mark ein wahres Schnäppchen. Und die Miete blieb bei 109,-- DDR Mark, egal wie viel man heizte, egal wie viel Wasser man verbrauchte. Für Bürger, die viele harte Winter durchgefroren  hatten, ein sagenhafter Luxus und Zugewinn an Lebensqualität.   

 

Auch bautechnisch hatte die „Platte“ immense Nützlichkeit: in nur 18 Stunden konnte eine Wohnung komplett ausgebaut werden. In der DDR Ende der 70er Jahre ein weiterer unschätzbarer Vorteil – die Wohnungsnot hatte ein nicht mehr akzeptables Ausmaß erreicht und die Regierung musste dringend und schnell handeln.

 

Mit viel Liebe, Beharrlichkeit und Zeit wurde die Musterwohnung wieder in ihren Urzustand versetzt. Heizkörper, Tapeten, Fußbodenbeläge, Türbeschläge, Fenster, Toilettenbecken, Lichtschalter, Schrankwand der VEB Möbelwerke Schleiz, Wohnzimmerlampen, sogar ein Rafena Fernseher des Kombinats RFT Staßfurt. Ein kompletter Streifzug durch die Palette der DDR-Konsumgüterproduktion.

 

Aber die Wohnung ist nicht nur voll möbliert – auch Verbrauchsgüter wie Rotkäppchen-Sekt oder Patronen-Soda Flaschen, Puddingpulver und Margarine sind vorhanden.  Auf Tafeln wird erklärt, wie lange eine Familie auf bestimmte Gegenstände sparen musste – der Fernseher zum Beispiel kostete unglaubliche 4200,-- DDR Mark – ein Vermögen. Nicht fehlen darf natürlich die in der DDR meistverkaufte Reproduktion: „Junges Paar am Strand“ von Walter Womacka.  

 

Viele Mieter der STADT UND LAND beteiligten sich durch Spenden von Bildern, Büchern, Bad- & Küchenutensilien, aber auch Arbeitermedaillen und andere Auszeichnungen an der Ausstattung der Wohnung und so wirkt es, als wären die Bewohner nur kurz zum Einkaufen und kämen gleich wieder. Bis heute werden Fundstücke vorbei gebracht und so vergrößert sich der Fundus der Alltagsgüter der DDR sukzessive immer noch weiter.  

 

Der Betreiber, Herr Sawatzki, macht den Besuch endgültig zum besonderen Erlebnis – sein Fundus an Geschichten scheint unerschöpflich, keine Frage bleibt unbeantwortet, seine berlin-charmante Art gibt dem Besuch die authentische Note. Das ist immens lehrreich und unterhaltsam und vor dem geistigen Auge des (West) Besuchers entsteht ein Stück DDR, das man nicht aus dem Geschichtsunterricht kennt. Mir war zum Beispiel nicht klar, warum Bäder in der DDR nicht gefliest wurden und wie lange man auf einen Telefonanschluss warten mußte.      

 

Diese „Reise“ nach Hellersdorf ist es definitv wert, unternommen zu werden.   

 

Hellersdorfer Strasse 176 - Hellerdsdorf / 01511 614 447 / So 14:00-16:00 / www.stadtundland.de/Service/Museumswohnung.php / U5 - Cottbusser Platz

 

In der Nähe: Schloss Biesdorf 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

News

Berlin 18/19 – 23.November 2018 – 19.Mai 2019

Die Sonderausstellung im Märkischen Museum widmet sich den Geschehnissen der Novemberrevolution in Berlin und ihren bis heute sichtbaren Nachwirkungen. Was passierte nach dem 9. November 1918 an der Spree? Wie sah der Revolutionsalltag der Berlinerinnen und Berliner aus? Welche Vorgeschichte hatte der Januaraufstand von 1919, und warum wurden im März desselben Jahres ganze Stadtviertel zum Bürgerkriegsgebiet? Die Sonderausstellung zeigt das großstädtische Leben in der Revolutionsphase und beleuchtet die Hintergründe der Gewalteskalation. Alle Infos - hier