Morsh

Friedrichshain ist ein Bezirk, in dem ich wirklich so gut wie nie unterwegs bin. Ich weiß nicht woran es liegt, aber selbst als ich in den 90er Jahren noch im Prenzlauer Berg gewohnt habe, hat es mich so gut wie nie nach Friedrichshain gezogen. Und inzwischen ist es mir ohnehin zu voll, zu laut, zu touristisch.

 

Nun hatte ich eine Einladung in das Morsh in der Mainzer Straße und – vielleicht taucht ja bald doch noch mehr aus dem Bezirk auf dem Blog auf. Dieses Restaurant zumindest hat mich überzeugt und wird mich wieder in den Friedrichshain fahren lassen.  Und nächstes Mal schaue ich mich vorher dann auch mal in den umliegenden Straßen genauer um. 

 

Das Ecklokal ist tagsüber ein Café mit Frühstück und feiner Patisserie, die man sich an der Vitrine aussuchen kann. Mittags wird ein Mittagstisch mit kleinen, schnellen Speisen serviert und abends verwandelt man sich in ein Fine-Dining-Lokal der gehobenen Gourmet Kategorie zu unfassbar zivilen Preisen.

 

Das Ambiente ist einladend, die Symbolik von Eichhörnchen und Marder an der Wand habe ich allerdings nicht ganz verstanden, trotz des Wissens, das das französische morsh sowohl morsch als auch mehrstimmig bedeuten kann. Egal, die Tische stehen nicht zu eng, die Sessel sind bequem, die Musik loungig und nicht zu laut und die Beleuchtung dezent, aber nicht so dunkel, dass man auf den Tellern nichts mehr sehen kann. Eine perfekt bereitete Bühne, für das was folgen wird. 

 

Das monatlich wechselnde Menü stellt drei bis sieben Gänge zur Wahl, mit oder ohne Weinbegleitung. Drei Gänge schlagen mit EUR 45,-- zu Buche, sieben Gänge mit 72,--. Dazu bekommt der Gast noch selbstgebackenes Brot mit verschiedenen Aufstrichen,  ein Amuse Gueule und ein Pre-Dessert, welches bei uns allerdings ein aprés Dessert war, da wir den Käseteller von Blomeyer als letzten Gang gewählt hatten.   

 

Nach dem Gruß aus der Küche starteten wir mit Kalbskopf, Gänseleber, Grünkohl und Seezunge, Auster, Champignon.  Köstlich die zarte Foie gras mit knusprigem Brioche, der Kalbskopf schön in der Gelatine mit krispem Kohl, die Seezunge kross und fein. Als zweite Gänge wählten wir Wildconsomme und Rotkohl, Rucola, Zitrone  - hier vermochte mich die Suppe nicht ganz zu überzeugen;  ich fand sie ein wenig überwürzt. Der Rotkohl sollte ohnehin viel häufiger die Hauptrolle spielen – sein süßlich milder Geschmack harmonierte hier gut mit der Zitrone und der herben Würze des Rucola.

 

Qualität und Garpunkt bestachen bei der Ente, der Sellerie, der sich einmal als Püree und einmal als Taler auf dem Teller wiederfand konnte ebenfalls überzeugen. Diese Art der Produktküche ist aufwendig und verlangt absolute Präzision und Handwerk – und das können und haben sie hier.     

 

Bei den Desserts blieben wir wie erwähnt bei Käse, dazu wurde ein köstliches Früchtebrot gereicht. Falls das Dessert des Menüs einem nicht zusagen sollte, kann man auch eine der feinen Tarteletts oder Pralinen aus der Vitrine wählen. Sehr zarte Versuchungen, denen wir dieses Mal noch widerstehen konnten - beim nächsten Besuch werden wir sehr wahrscheinlich der Verlockung erliegen. 

 

Die Weinkarte bietet viele interessante Positionen und wie in jedem guten französischen Restaurant werden auch einige Flaschen in 0,375 Größe angeboten. Das vermisse ich in den meisten Lokalen der Stadt wirklich sehr – deshalb gibt es hier von mir ein zusätzliches Like. Ein Dislike jedoch für den Preis einer Flasche Wasser; EUR 7,-- EUR finde ich persönlich etwas unverhältnismäßig.     

 

Der Service ist freundlich und zuvorkommend, allerdings gab es ein paar Abstimmungsschwierigkeiten und wo man andernorts ein Zuviel an gastronomischer Weltläufigkeit hat, hätte ich mir hier ein bisschen mehr davon gewünscht.  Aber das sind nur Marginalien.

 

Fazit: die Fahrt nach Friedrichshain lohnt sich. Diese Küche ist präzise, ambitioniert, begabt und phantasievoll; ein Restaurant dessen Entdeckung sich lohnt. Wiederholungen unbedingt empfohlen.       

 

Mainzer Straße 20  – Friedrichshain / 030 – 705 091 02  / Mi-So 10:00-22:00 / WWW / U5 Samariterstrasse – Tram 21 Wismarplatz – Tram16-M10-M13 Scharnweberstrasse  / Preise - €€- €€€   

 

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