Leopoldplatz – Schinkels Glanz und mancher Schatten

Eigentlich hat das Viertel zwischen Leopoldplatz, Müller- und Seestraße sowie Reinickendorfer Straße keinen Namen – schon das ein Alleinstellungsmerkmal in Berlin – und so behelfen wir uns mit Leopoldplatz, manchmal kann man aber auch den Begriff Osram-Viertel hören. Trotz der großen Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg findet sich in den den Leopoldplatz umgebenden Straßen mit die geschlossenste Bebauung aus der Gründerzeit.

 

Direkt am Leopoldplatz liegen Glanz und Elend sehr nahe beieinander. Die Alte Nazarethkirche, von Schinkel entworfen und erbaut, gehört zu den sogenannten vier Schinkelschen Vorstadtkirchen, die von Friedrich Wilhelm III ab 1828 in Auftrag gegeben wurden. Allen ist die einfache, preiswerte Zweckbaulichkeit gemeinsam, Backsteinbauten – ursprünglich ohne Türme - und der Standort im Berliner Norden. Der Vollständigkeit halber - die anderen sind die Elisabethkirche in Mitte, die Johanniskirche in Moabit und die Paulskirche in Gesundbrunnen.

 

Von 1832 bis 1835 wurde die Kirche am Leopoldplatz errichtet und nach Nazareth, dem Heimatort Jesus, benannt. Durch Stüler sollte später, wie bei der Johanniskirche, ein Pfarrhaus, ein Glockenturm und ein Arkadengang ergänzt werden, aber im Endeffekt wurden die Pläne nicht realisiert , so dass sich das Gotteshaus heute im Äußeren noch fast unverändert präsentiert.

Durch die rasch wachsende Gemeinde wurde die Kirche schnell zu klein und am östlichen Ende wurde die Neue Nazarethkirche von 1891 bis 1893 nach Plänen des Architekten Max Spitta in neogotischer Form erbaut. Im Gegensatz zu ihrer turmlosen Vorgängerin verfügt die Kirche über einen 78 m hohen quadratischen Turm mit spitzem Helm. 1945 beschädigt kam, wie so oft nach dem Krieg, mit der Restaurierung 1960 die weit folgenreichere Zerstörung: fast die komplette neugotische Ausstattung wurde entfernt und die Malereien übertüncht. Und dann kam noch ein weiteres Problem hinzu - die Kirche wurde zunehmend für die nun schrumpfende Gemeinde zu groß, so dass die Kirche 1989 entweiht wurde. Ab September 1991 übernahm die Gemeinde Gottes Deutschland K.d.ö.R., eine evangelisch-freikirchliche Gemeinde, das Gebäude. Seit Mai 2016 hat das Hilfszentrum UKRG e.V. (Universalkirche des Königreichs Gottes), eine neo-charismatische Kirche der Pfingstbewegung, seinen Hauptsitz in der Neuen Nazarethkirche.

 

Die Schinkelkirche erlebte unterschiedlichste Nutzungen; sie diente als Raum für diakonische Arbeit, war Heimat einer Kindertagesstätte. Bis 1980 erfolgte die Restaurierung des Saales im Obergeschoss, der heute  wieder für Gottesdienste genutzt wird. Ein weiteres Besipiel dafür wie schluderig Berlin mit seinen Denkmälern umgeht.

Positive Signale

Von Fridolin freudenfett - Eigenes Werk, commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48299402
Von Fridolin freudenfett - Eigenes Werk, commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48299402

Und auch mit der Jetztzeit tut sich Berlin in manchen Stadteilen schwer; schön war er nicht nach dem Krieg der Leopoldplatz, auch wenn er inzwischen Spielplätze und eine Promenade sein Eigen nennt, und er geriet durch sogenannte gesellschaftliche Randgruppen in Verruf. Die Gegend um den Leo ist materiell arm aber reich an Problemen: Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Perspektivlosigkeit, eine sozial schwache Einwohnerstruktur mit hohem Migrantenanteil. Seit einigen Jahren bemüht sich eine Anwohnerinitiative jedoch darum, den Platz für alle Bewohner zu gestalten und bezieht dabei auch die Trinker- und Drogenszene mit in den Planungsprozess ein. Für die Trinker wurde ein Aufenthaltsort im mittleren Teil des Platzes geschaffen, eine Toilette wurde erbaut und im vorderen Teil befindet sich in einem Imbisswagen das Café Leo, ein kleiner Imbiss, der nur alkoholfreie Getränke anbietet. Und so entwickelt sich der Leopoldplatz peu à peu wieder zu einem schönen Zentrum des Viertels, was sicherlich auch damit zu tun hat, was sich in den Nachbarstraßen tut. Seit ca. 5 Jahren findet während des Ramadan einmal ein gemeinsames Iftar, das Fastenbrechen als Abschluss eines Fastentages, auf dem Leo statt und lädt zum Dialog unter den Nachbarn ein. Bisher immer ein großer Erfolg. Zur Belebung und Aufwertung trägt auch der Wochenmarkt jeden Dienstag und Freitag mit vielen regionalen und ökologisch angebauten Lebensmitteln bei, sowie der Flohmarkt jeden Samstag auf dem auch Privatpersonen ihre Ware feilbieten dürfen.

 

Übrigens – James Hobrecht hat den Platz 1862 in seinen Bebauungsplan aufgenommen, bis dahin baute man rund um die Kirche Kartoffeln an. Ab 1880 erfolgte dann die Anlage des Schmuckplatzes, um die Nazarethkirche aufzuwerten. Der fertige Plan stammt vom Berliner Stadtgartendirektor Hermann Mächtig - man wollte bewußt in diesem Teil des Wedding eine größere Grünfläche anlegen. Wie die Straßennamen im Quartier bezieht sich auch der Name des Leopoldplatzes auf Personen oder Orte, die mit den Spanischen Erbfolgekriegen Anfang des 18. Jahrhunderts in Zusammenhang stehen.

Kreuz und Quer

Straßenansicht im Wedding
Straßenansicht im Wedding

 

Gegenüber der Neuen Nazarethkirche befindet sich das nette Café Auf der Suche nach dem verlorenen Glück und einer der besten Koreaner der Stadt, das Korea Haus, etwas weiter die Nazarethkirchstraße Richtung Osten Spiritus Mundi, ein kleiner, feiner Weinladen, der bis 22:00 geöffnet hat und einlädt den Wein vor Ort zu degoustieren und das Trinkerlebnis mit Tapas und Flammkuchen zu unterfüttern. Die Einrichtung ist vielleicht ein bißchen psychedelisch aber mit Liebe gemacht.

 

Das Café Cralle existiert seit 1978 als Frauenkollektiv und versteht sich als offener Raum zum Austausch und zur Vernetzung. Es gibt regelmäßig Veranstaltungen mit einem Fokus auf Queer-Feminist Themen. Im Stranero in der Liebenwalder Straße gibt es gute Pizza, sogar eine Calzone mit Nutella, und man sitzt mit schönem Blick auf die Gründerzeithäuser. Die Häuser No 2&3 sind die ältesten im Viertel, erbaut 1875.

Glühlampen und Wohnkultur

Osram Höfe
Osram Höfe

 

Über die Groninger Straße gelangt man zu den Osram-Höfen. Hier stand, lang ist's her, einmal Europas größte Glühlampenfabrik, erbaut 1904-1910, und erstreckte sich über mehrere Höfe. Bis 1988 wurden hier noch Glühlampen hergestellt; inzwischen dient das Areal ca. 60 Firmen, Forschungsinstitutionen, wissenschaftlichen Einrichtungen und Geschäften als Standort und ist als Baudenkmal klassifiziert. Und so kann man heute beim Marc Cain Outlet Damenmode erstehen, bei Stoff & Wohnkultur Outlet die Wohnung upgraden oder bei La Luz feiern. Zurück in der Liebenwalder Straße kommt man am Kunst- und Kulturverein Mastual e.V. vorbei. Entstanden ist der Verein aus einer WG in der Amsterdamer Straße, die Mittwochs in ihrem Wohnzimmer einen offenen Salon führte. Als dieser Raum zu klein wurde, mietete man die Räume einer ehemaligen Fleischerei an. Die Kacheln im vorderen Raum sind noch original und die Atmosphäre ist so plüschig und angenehm, dazu anregende Veranstaltungen - man bleibt gern länger; ein Verein der den Kiez zusammenbringt. 

Sozial und Schön

Von Fridolin freudenfett (Peter Kuley) - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, WikiCommons
Von Fridolin freudenfett (Peter Kuley) - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, WikiCommons

Gegenüber des Mastul findet sich das 1904-06 erbaute Karl-Schrader-Haus, benannt nach dem Gründer der 1886 ins Leben gerufenen Berliner Genossenschaft eG, des Eisenbahndirektors und FVP Abgeordneten im Reichstag, Karl Schrader. Schrader und seine Frau Henriette waren sehr sozial engagiert, im Akazienkiez werden wir ihnen wiederbegegnen, und widmeten einen Großteil ihres Lebens dem Engagement für sozial schwächere. Die Berliner Baugenossenschaft war die erste sozial orientierte Baugenossenschaft in Berlin, die neben der "Berliner Baugesellschaft" (seit 1848) den Grundstein für die gemeinnützige Wohnungswirtschaft in der Stadt legte. Das Karl-Schader-Haus zählt zu den beispielgebenden genossenschaftlichen Reformwohnungsbauten des frühen 20.  Jahrhunderts. Entworfen wurde die Wohnanlage von Kristeller und Sonnenthal und ist um drei begrünte Innenhöfe angelegt. Insgesamt gab es 192 Wohnungen, mit ein bis drei Zimmern, alle mit Küche und Innentoilette, revolutionär zu den damaligen Zeiten, und fast alle mit einem Balkon. Genossenschaftsmitgliedern standen darüberhinaus ein Festsaal, eine Bibliothek und eine Badeanstalt zur Verfügung. Aber auch an der repräsentativen Fassade sparte man nicht. Wie bei den Bürgerhäusern im feinen Schöneberg oder Charlottenburg gab es geschmückte Fenstereinfassungen, Erker, Zierfelder und Jugendstilornamente, zum Beispiel stilisierte Masken, Frauenköpfe und Girlanden. Der Kopfbau an der Kreuzung Amsterdamer–, Liebenwalder- und Malplaquetstraße wird flankiert von turmartigen Erkern mit geschwungenen Dachhauben. Im Innenhof, der von der Malplaquetstraße einsehbar aber nur für Bewohner begehbar ist, befindet sich eine Büste Karl Schraders von Adolf Jahn.

 

Im Haus befindet sich seit vielen Jahren das Café Schrader, eine Institution im Kiez. Es gibt Tapas, Burger und Quesadillas und am Wochenende einen tollen Brunch; noch dazu sitzt man sehr schön unter der alten Pergola. Schräg gegenüber ist das Café Morena aber der Name täuscht – das hier ist eine Kneipe und ebenfalls seit Jahren eine Institution im Kiez. Hier trinken die alteingesessenen mit den neueren Bewohnern, es gibt Live Musik und natürlich darf geraucht werden. Das Mini-Kaufhaus verkauft nur Second-Hand Ware, aber man bekommt wirklich alles was man zum Wohnen braucht. Man braucht ein bißchen Zeit aber man kann hier qualitativ hochwertiges und ausgefallenes aus Haushaltsauflösungen bekommen.

 

Malplaquetstraße

Malplaquetstraße
Malplaquetstraße

Die Malplaquetstraße ist die Hauptachse des Viertels, der Boulevard. Die Erika-Mann-Schule hat ein innovatives Schulkonzept und eine von Designern gestaltete Inneneinrichtung, mitten im sozial immer noch schwierigen Umfeld. 2016 wurde das Engagement belohnt und die Grundschule als Referenzschule Kulturagenten `für kreative Schule ausgezeichnet. Gegenüber im geschmackvoll eingerichteten Antiquariat Mackensen, spezialisiert auf Philosophie, Kunstbücher und Belletristik, kann man viel Zeit verbringen.

 

Der kleine Stadtplatz an der Kreuzung von Malplaquetstraße und Utrechter Straße bietet ein stimmungsvolles Bild. Auf der dreieckigen Platzfläche steht ein kleiner Straßenbrunnen und die Tische des Parma di Vinibendetti; hier lohnt unbedingt ein Stop, danach auf einen guten Kaffee zu TassenKuchen, die außerdem amerikanische Köstlichkeiten wie Pancakes aber auch Müsli, Sandwiches und Tarten anbieten; alles hausgemacht und bio. In Katharinas Gardinennähservice werden noch per Hand Gardinen und Stoffe umgenäht oder gesäumt. Im Basalt kann man abends hervorragende Cocktails genießen und in den Straßen machen immer wieder neue, interessante Geschäfte auf.

 

Der Friedhof in der Turiner Straße war ursprünglich angelegt für die nördlich der Spree angesiedelten Garnisonseinheiten. Fast ein Drittel der heutigen Fläche sind Kriegsgräber; im Vergleich zu vielen anderen Friedhöfen Berlins sind die Grabmale klein, schmucklos, fast armselig - im Tod sind eben doch nicht alle Menschen gleich.        

 

Der Kiez um den Leo verändert sich, aber noch passiert das hier behutsam und die Bewohner sind durch die vielen Negativbeispiele in anderen Vierteln gewarnt. Typisch für das dicht besiedelte Viertel ist die funktionierende Mischung, großstädtisch, tolerant, multikulturell mit allen positiven und negativen Aspekten; fast ein kleines Dorf, ein Anker in der hektischen Stadt. Wenn man offen ist und keine Berührungsängste hat, kann man hier gut leben und wird das auch noch hoffentlich lange können.

 

U6 - U9 Leopoldplatz - Tram 50 - M13 Osram Höfe 

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Kommentare: 3
  • #1

    Juliane Gassert (Donnerstag, 08 Dezember 2016 19:48)

    Schade, dass ich dieses Porträt über den Leopoldplatz erst jetzt lese!
    Ich habe soviele Jahre ganz in der Nähe gewohnt!
    Für mich war es ein Ort zum Einkaufen, zum Ein - und Umsteigen in irgendwelche Bahnen.
    Danke, Charlotte, für diesen neuen Blick auf eine schwierige Gegend.

  • #2

    Charlotte@fortsetzungberlin (Freitag, 09 Dezember 2016 09:22)

    Hallo Juliane,
    es hat sich viel getan dort in letzter Zeit - defintiv mal wieder ein Besuch in der alten Heimat wert.
    Charlotte

  • #3

    Juliane Gassert (Montag, 12 Dezember 2016 10:21)

    Mal sehen....wenn es warm und lauschig wird in Berlin vielleicht?
    ist sicher seltsam, wenn Neues sich mit alten Erinnerungen mischt.

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