Seit 2013 gibt es die Kantine Kohlmann bereits und inzwischen ist ihr Konzept oft kopiert und erweitert worden; sie war jedoch eines der ersten Restaurants in Berlin, das sich traute die deutsche Küche wiederzubeleben beziehungsweise fortzuschreiben. Und, wer mich kennt, weiß dass das Konzept Tapas oder Happen meinem Bedürfnis beim Essengehen sich nicht nur auf ein, zwei Gerichte festzulegen, sehr entgegenkommt; von daher gab es schon einen unbesuchten Bonus vorab.

 

Woher der Name kommt?  Er passt auf jeden Fall zum Understatement mit dem man hier agiert, denn unter Kantine stellt man sich ja landläufig einen nicht ganz so gastfreundlichen Ort vor. Das Interieur ist stylisch, verleugnet aber nicht die Herkunft einer ehemaligen Kiezkneipe mit Kasettendecken und den typischen alten Kneipenfenstern. Dazu Lampen wie aus dem Palast der Republik, Tische aus edlem Holz, denen man aber natürlich inzwischen ihre Patina ansieht, bequeme gepolsterte Bänke an den Wänden. Wie heuer üblich wird auf Tischdecken verzichtet, Besteck und Gläser zeigen aber den Anspruch an zwischen leger und traditionell.

 

Die Karte ist relativ klein - acht bis neun Vorspeisen, genannt Happen, vier Hauptgänge, zwei Desserts – aber mit überraschenden Gerichten. Wir starteten mit Rote-Beete-Koriander-Tartar mit Sauerrahm, Blutwurst mit Kartoffelstampf und Champagnerkraut sowie einer Wildkraftbrühe mit Flädle, Zwiebel und Praline.

 

Alle Vorspeisen waren gut austariert, der Grundgeschmack gab den Ton vor, die Beilagen hielten sich geschmacklich dezent im Hintergrund - gerade bei Koriander kann man ja schnell zu viel bekommen – waren präzise gekocht und trotz ihrer eigentlichen Bodenständigkeit innovativ. Das war ein sehr guter, ehrlicher Anfang und machte viel Lust auf die Hauptgänge. Von den Portionsgrößen her liegt man als Nicht-Gourmand mit ein bis maximal zwei Happen richtig.

 

Die Hauptgänge Wiener Schnitzel, ein sogenanntes Signatur Dish der Kantine, und Malfatis konnten ebenfalls  überzeugen. Das Schnitzel war wie es sein soll: hauchdünn, krosse, wellige und nicht zu buttrige Panade, das Kalbfleisch innen zart und saftig.  Der Kartoffel-Gurken Salat mit Kapern mit frischem Dill mit Öl-Essig-Brühe-Dressing war frisch und leicht. Die Malfatti, dem Wortursprung nach ja ein misslungenes Gericht, machten ihrem Namen keine Ehre – sie waren mehr als gelungen. Der Spinat war frisch und saftig, die Zucchini kamen als Spaghetti- Streifen, die Nocken hatten Gnocchi Form und waren kross angebraten und  dadurch nicht zu weich, präzise gewürzt und mit Wildkräutern als weiterer Beilage ebenfalls ein relativ leichtes Gericht.        

 

Die Weinkarte ist übersichtlich und hat einige gute Positionen zu einem fairen Preis-Leistungsverhältnis. Der Service ist aufmerksam und herzlich und verliert auch bei Hektik nicht den Überblick. Das Publikum ist gemischt – Berliner aber in diesem Teil von Kreuzberg natürlich auch viele Touristen und Expats; an den Nebentischen wurde vom  Publikum viel englisch gesprochen.

 

Die Frage, die sich bei einer solchen Location an einem solchen Ort natürlich immer stellt – ist das Gentrifizierung oder geht das noch in Ordnung? Mein Verdikt ist im Endeffekt positiv; das Leben rund um Görlitzer Park und Bahnhof hat für mich nicht nur etwas mit großstädtischer Nonchalance und leben nach eigener Façon zu tun. Ich brauche das nicht unbedingt, um mich als Städter zu fühlen, aber Empfinden ist natürlich subjektiv. Die Kantine Kohlmann aber ist ein ganz urbanes Lokal, wie es gut in eine Stadt wie Berlin passt. Der Bonus wurde nicht enttäuscht, sondern eingelöst und weit übertroffen. Danke dafür! 

 

Skalitzer Straße 64 – Kreuzberg / / www.kantinekohlmann.de / U1 Görlitzer Bahnhof oder Schlesisches Tor

 

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Kommentare: 2
  • #1

    EinfachWein (Freitag, 03 November 2017)

    Die Beleuchtung ist ja nun wirklich aus einer anderen Ära.
    Doch die Beschreibungen machen Lust auf Ausprobieren.
    Vielen Dank.

  • #2

    Charlotte@fortsetzungberlin (Freitag, 03 November 2017 20:32)

    Aber stimmig ist sie schon und die Kulinarik steht ja im Mittelpunkt

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