Vom Anfang Schönebergs

Ursprünglich war Schöneberg nur ein Straßendorf rund um die heutige Hauptstraße etwa von Höhe Dominicusstraße bis zur Kreuzung Akazienstraße. 1750 ließ Friedrich II. Neu-Schöneberg für die Ansiedlung böhmischer Weber errichten, allerdings gegen den erbitterten Widerstand der Schöneberger Bauern. Dieses Dorf erstreckte sich ebenfalls entlang der Hauptstraße bis zur heutigen Grunewaldstraße bzw. Kleistpark. Aber das benachbarte Berlin wuchs schnell und beanspruchte immer mehr Raum und so wurde zu Beginn des Jahres 1861 auf Anordnung Wilhelm I., trotz Protesten Schönebergs, das Gebiet bis zum südlichen Ende der Potsdamer Straße, also bis zum heutigen Kleistpark, zum 1. Januar 1861 nach Berlin eingemeindet und zur sogennanten Schöneberger Vorstadt erhoben. Dadurch ging die Einwohnerzahl Schönebergs drastisch auf unter 2.700 zurück.

 

Das sollte sich allerdings bald wieder ändern - nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 stieg die Einwohnerzahl Schönebergs rasant an: bis 1919 zählte Schöneberg 175.000 Menschen und viele der ehemaligen Bauern wurden dabei sehr reich, da sie ihre Äcker in Bauland umwandelten und verkauften; nicht nur freundlich gesinnt nannte man sie damals „Millionenbauern“. Innerhalb von wenigen Jahrzehnten entwickelte sich das märkische Dorf zu einer Großstadt und bekam folgerichtig 1898 die Stadtrechte verliehen. Rudolph Wilde wurde 1898 Bürgermeister und trieb den Ausbau eines repräsentativen Rathauses voran; allerdings wurde dies erst unter Alexander Dominicus 1914 fertiggestellt – mehr dazu demnächst im Rundgang durch den Akazienkiez.    

Die erste U-Bahn und neue Viertel

Schöneberg konnte sich aber auch rühmen, ab 1910 die weltweit erste kommunale U-Bahn mit fünf Stationen zwischen Nollendorf- und Innsbrucker Platz in Betrieb genommen zu haben. Damit war sichergestellt, dass die rasant wachsende Stadt und die Viertel um Viktoria-Luise-Platz und Bayerischer Platz, die ja gezielt für ein großbürgerliches Publikum konzipiert worden waren, an Berlin angeschlossen wurden und damit die Attraktivität Schönebergs als Wohnort noch erhöhten. Durch die Bildung von Groß-Berlin 1920 verlor Schöneberg seine Selbstständigkeit und bildete gemeinsam mit Friedenau den neugeschaffenen Verwaltungsbezirk Schöneberg – dafür wurde aber auch die Schöneberger Vorstadt wieder in den Bezirk eingegliedert. 

 

Durch die Luftangriffe der Alliierten im Zweiten Weltkrieg  wurden besonders der Norden und der Westen Schönebergs  stark zerstört; etwa ein Drittel des Wohnungsbestandes ging verloren. Der Sportpalast, durch Goebbels zu trauriger Berümtheit gekommen, wurde allerdings erst 1973 abgerissen.  

Symbole der Freiheit - Rathaus Schöneberg und RIAS

Ab 1949 war das Rathaus Schöneberg das Symbol des Bollwerks gegen die Kommunisten. Große, noch heute in der gemeinsamen Erinnerungskultur der alten BRD verankerte Reden wie Kennedys „Ich bin ein Berliner" und Willy Brandts „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“ wurden auf dem Balkon des Rathaus Schöneberg gesprochen. Überhaupt hat das Regierende Amt aus dem Rathaus Schöneberg einige der wichtigsten Politiker Deutschlands der Nachkriegszeit hervorgebracht; Ernst  Reuter, Richard von Weizsäcker, Willy Brandt und für sein selbstverständliches Outing – und nur dafür – Klaus Wowereit. Ab 1946 war Schöneberg auch der Sitz des RIAS Berlin (Rundfunk im amerikanischen Sektor); das Funkhaus mit RIAS Schriftzug am Hans-Rosenthal-Platz steht unter Denkmalschutz und beheimatet heute Deutschlandradio Kultur. Für viele Ost Berliner war der RIAS die einzige Möglichkeit an politisch etwas unideologischere Informationen zu kommen und hat heute noch einen hohen Stellenwert für sie.    

West-Berliner Ausgehkiez, Nachwendezeit und das Heute

Akazienkiez - Belziger Straße
Akazienkiez - Belziger Straße

Im Laufe der Jahrzehnte etablierte sich der nördliche Teil von Schöneberg als einer der Ausgehkieze West Berlins. Die Gegend um Nollendorfplatz und Motzstraße war bereits seit den zwanziger Jahren vor allem ein Teffpunkt der schwul-lesbisch-transgender Szene, rund um den Winterfeldtplatz und am Beginn der Goltzstraße entstanden viele Kneipen und Orte des finalen Absturzes. Anfang der 1980er Jahre schließlich waren die Straßen zwischen Winterfeldtplatz und Potsdamer Straße einer der Hauptschauplätze der Auseinandersetzungen zwischen Hausbesetzern und der Polizei neben dem Fränkelufer in Kreuzberg. Nicht zu vergessen – David Bowie lebte während seiner Berliner Zeit in Schöneberg; eine Plakette am Haus Haupstraße 155 erinnert heute daran.

 

Andere berühmte, geborene Schöneberger waren: Wilhelm Furtwängler, Nelly Sachs, Marlene Dietrich, Gisèle Freund und Helmut Newton. Einige Zeit in Schöneberg lebten unter anderem Albert Einstein, Gottfried Benn, August Bebel, Hans Baluschek, Billy Wilder und Sepp Herberger. Heutzutage nennen Gayle Tufts, Ulrich Noethen, Monika Maron, Christiane Paul und Gesine Cukrowski Schöneberg ihr zu Hause und bis zu seiner Wahl zum Bundespräsidenten auch Joachim Gauck.     

 

Nach der Wende 1989 als alle gen Osten strömten verlor Schöneberg seine Attraktivität für die Szene etwas, aber alt und abgehängt wurde es nie. Schöneberg ist immer noch ein vielfältiger Bezirk - belebt aber in Teilen ruhig, bürgerlich aber alternativ - abhängig vom Viertel, vom Kiez, von der Straße. Man kann hier sehr gut ausgehen, aber auch ruhig und gut wohnen; es gibt es ein buntes Nebeneinander verschiedener Kulturen und Lebensarten und die meisten die hier leben, wollen nicht mehr weg.

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Kommentare: 2
  • #1

    Juliane Gassert (Mittwoch, 07 Dezember 2016 00:00)

    Danke für diesen genauen vielfältigen Einblick in die Geschichte Schönebergs
    und seiner berühmten Bewohner.
    Habe viele neue Details in diesem Beitrag entdeckt.
    Für mich heute noch ein Kiez, der klassischer nicht sein könnte.
    Ungemein liebenswert.

  • #2

    Charlotte@fortsetzungberlin (Freitag, 09 Dezember 2016 14:36)

    Hallo Juliane,
    für mich ist Schöneberg auch der klassische Kiez Berlins. Und Heimat noch dazu.
    Charlotte

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