Friedhof Grunewald

Um 1880 wurde die Villenkolonie Grunewald gegründet und ziemlich bald stellte sich die natürliche Frage einer Begräbnisstätte für die dortige Evangelische Kirchengemeinde. Außerhalb des eigenen Terrains wurde man fündig und erwarb die Rechte zur Anlage eines Friedhofes auf einem inselartig von Bahntrassen eingeschlossenen, von der Außenwelt fast völlig abgeschirmten Stück Land. Dort, wo die Wohnbebauung von Halensee und der Villenkolonie Grunewald im Norden und Westen vom großen Schwung der Berliner Ringbahn und über die gesamte Nord-Süd-Erstreckung der Kolonie von den Anlagen des Güterbahnhofs Grunewald begrenzt werden, entstand der Friedhof Grunewald 1891/92.

Diese isolierte Lage führte dazu, dass der Friedhof im Volksmund den Beinamen Toteninsel bekam. Nichtsdestotrotz ist dieser Friedhof einer der schönsten Berlins, sodass er inzwischen als Gartendenkmal klassifiziert und geschützt ist.

Über eine stählerne Brücke an der Bornstedter Straße erreicht man den Hauptweg des nach Plänen des Königlichen Garteninspektors Röhr gestalteten Areals. Röhr verdankte die Villenkolonie auch die Ausgestaltung des Bismarckplatz und den nach Frau Bismarck benannten Johannaplatz, beide heute nicht mehr unbedingt gartenbauliche Highlights. Das muss Röhr aber ja zum Glück nicht mehr mitkriegen.

 

Eine zweireihige Allee aus Pyramideneichen führt auf die 1894 errichtete Friedhofskapelle zu, die 1902/03 von den Architekten Zaar & Vahl, erweitert und umgestaltet wurde. Carl Zaar und Rudolf Vahl waren übrigens maßgeblich am Bau des Zoologischen Gartens beteiligt – das berühmte Elefantentor am Eingang Budapester Straße ist ihr Werk und auch das Aquarium im Zoo geht auf Entwürfe dieser beiden Architekten zurück.

Die Kapelle selbst ist ein typisch märkischer Backsteinbau mit schlichten frühgotischen Formen. Staffel- bzw. herkömmliche Dreiecksgiebel richten sich nach allen Seiten, schlanke Strebepfeiler gliedern die Wandflächen an den Ecken. Die Feierhalle, ein von einem Sterngewölbe abgeschlossener Raum im älteren Bauteil, beleuchten große Seiten- und Chorfenster. Angesichts des recht kleinen Friedhofs ist die Kapelle von beachtlicher Größe. Denn - Noblesse oblige - im Tod sind eben doch nicht alle Menschen gleich; die Villenkolonie als eine der nobelsten Wohngegenden Berlins wollte und wusste sich zu repräsentieren.

Das spiegelt sich natürlich auch in zahlreichen Grabdenkmälern wider und der großen Anzahl an bedeutenden Persönlichkeiten, die hier beerdigt wurden. Und hier sind doch viele dann noch gleich geworden – ein Großteil der Personen sind inzwischen dem Vergessen anheim gefallen und ihre Leistungen als Wissenschaftler, Unternehmer und Künstler sind mittlerweile der breiten, großen Öffentlichkeit unbekannt.

Was bei einem Rundgang auffällt - die ganz großen Erbbegräbnisstätten, die man zum Beispiel in den Friedhöfen an der Bergmannstrasse oder auf dem Alten St. Matthäuskirchhof findet, gibt es auf dem Friedhof nicht. Imposant genug sind sehr viele der Gräber aber natürlich immer noch. An der drei Seiten den Friedhof umfassenden Mauer reihen sie sich aneinander.

Der heute noch bekannteste Tote dürfte sicherlich der Politiker und Publizist Friedrich Dernburg, Sohn einer bedeutenden jüdischen Gelehrtenfamilie und Reisegefährte des 99-Tage-Kaisers Friedrich III., sein. Weitere - heute noch nicht vergessene Personen, die im Friedhof Grunewald ihre letzte Ruhe fanden - sind der Arzt Alfred Blaschko, der Dramatiker Hermann Sundermann, der Historiker Hans Delbrück, der Bildhauer Otto Lessing, dessen Grab inzwischen die dazugehörige Büste fehlt, sowie der erste Pilot der Luftbrücke Jack O‘Bennett.

Ein ungewöhnlich farbenfrohes Glasmosaik ziert das Grab des im Kindesalter verstorbenen Fritz Dernburg. Von seinem Onkel Max Seliger, Direktor der Königlichen Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig, stammt der Entwurf des Mosaiks, welches zwei weiß gekleidete Frauen an einem Altar zeigt. Der Altar trägt den häufig verwendeten Grabspruch „Die Liebe höret nimmer auf“ (Korinther 13,8). Eine der Frauen platziert Vasen mit roten Tulpen auf dem Altar, während die andere eine Harfe spielt, die gedankenverloren von einer Putte mit bunten Flügeln umfasst wird. Zeitgenössische Quellen berichten, dass die Gesichtszüge der Frauen denen der Mutter, Emma Dernburg, und ihrer Schwester nachempfunden sein sollen.

Nicht weit davon befindet sich die Grabstätte der Therese Möbius, ebenfalls Mosaik verziert; ein Engel mit zwei Palmwedeln steht vor einer Stadtbefestigung auf goldenem Grund. Leider hat der Zahn der Zeit inzwischen ziemlich an diesem Kleinod genagt – es wird wohl bald nicht mehr zu retten sein.

Der Friedhof ist, man kann es nicht anders sagen – idyllisch; kein Wunder das er inzwischen auch als Gartendenkmal klassifiziert ist. Laut und verkehrsumtost ist er allerdings auch. Aber, wie immer auf Friedhöfen, gilt auch hier die Binse – Leben und Sterben gehören zusammen und die Toten werden sich auch hier nicht an den Geräuschen stören.

 Bornstedter Straße 11-12 – Charlottenburg / April – September 07:00-20:00 – Oktober - März 08:00 – 18:00 / S-Bahn Halensee – Bus M29 – M19 S-Bahnhof Halensee - Bus 104 Trabener Steg

 

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