Das kleine Geschichtsbuch

Als Rote Insel wird der Teil Schönebergs bezeichnet, der von den Gleisen dreier S-Bahn Linien begrenzt wird; im Westen von der Wannseebahn, der Anhalter Bahn im Osten und der Ringbahn im Süden. Bereits zu ihrer Entstehungszeit war die Insel ein Wohngebiet der „kleinen Leute" – durch koordinierte Baumaßnahmen ab 1870 wurde das Gelände der unabhängigen Gemeinde Schöneberg erschlossen. Neben den unteren Schichten befand sich aber auch eine größere Anzahl Militärs unter den Bewohnern; die preußische Armee hatte, ebenfalls ab 1870, an der heutigen Kolonnenstrasse – Ecke Wilhelm-Kabus-Straße einen Militärbahnhof errichtet und da der Platz in der dazugehörigen Kaserne bald nicht mehr ausreichte, wurden die Soldaten und ihre Familien in die Häuser der Nachbarschaft einquartiert.

 

Rot heißt die Insel übrigens aufgrund eines modernen Mythos: als Kaiser Wilhelm I nach längerem Kuraufenthalt wieder nach Berlin zurückkehrte, war die Stadt in ein schwarz-weiß-rotes Fahnenmeer getaucht; nur ein aufrechter Schöneberger hisste die verbotene Fahne der  auf Grund der Sozialistengesetzte verbotenen SPD. Legende oder nicht, die SPD fuhr bei Wahlen in diesem Teil Schönebergs lange Jahre sehr hohe Prozentzahlen ein. Aber auch deutsch-nationale Parteien kamen auf einen nicht unerheblichen Wähleranteil, den Nachfahren der Militärs sei Dank.   

 

Berühmte Bewohner der Roten Insel, entweder hier geboren oder einige Zeit wohnhaft, waren die Politiker August Bebel, Theodor Heuss, Hermann Ehlers, Friedrich Naumann und Willi Stoph. Hildegard Knef lebte lange hier bei ihren Großeltern in der Leberstrasse; Alfred Lion, der eigentlich Löw hieß, später in die USA emigrierte und Blue Note Records gründete, wurde in der Gotenstrasse geboren. Nach ihm ist heute die Fahrrad- & Fußgängerbrücke benannt, die von der Wilhelm-Kabus-Straße zur General-Pape-Straße führt und Schöneberg mit Tempelhof verbindet. Der Sozialdemokrat Julius Leber, nach dem eine Straße, eine Brücke und der S-Bahnhof an der Brücke benannt sind, arbeitete nach seiner Entlassung 1937 aus dem KZ Sachsenhausen zur Tarnung in einer Kohlenhandlung in der Torgauer Straße Ecke Gotenstraße, bis er im Januar 1945 erneut festgenommen und hingerichtet wurde. Die berühmteste Bewohnerin war aber sicherlich Marlene Dietrich, 1901 in der Leberstraße geboren. Sie liegt auf dem Friedhof Stubenrauchstraße in Friedenau begraben.

 

Es ist übrigens fast ein Wunder, dass die Rote Insel heute überhaupt noch existiert; hätten die Pläne zur Welthauptstadt Germania konkretere Gestalt angenommen, wäre ein Großteil der Insel der Nord – Südachse zum Opfer gefallen. Und so passt es irgendwie gut zum Trotz der Bewohner und zum Trotz der Geschichte, dass insgesamt die Gründerzeit Bausubstanz noch sehr gut erhalten ist und der Zweite Weltkrieg wenige Spuren in den Straßenzügen hinterlassen hat.                      

 

Von der Julius-Leber-Brücke  zum Zwölf-Apostel Friedhof

Einen Rundgang beginnt man am besten am S-Bahnhof Julius-Leber-Brücke. Über die Kolonnenstraße erreicht man die Naumannstraße und biegt in diese rechts ab. Der Zwölf-Apostel Friedhof in der Naumannstraße gehört zu den kunst- & kulturgeschichtlich bedeutendsten  Friedhöfen Berlins und ist heute als Gartendenkmal klassifiziert. Der Erhaltungsgrad der Gräber und des Gesamtensembles im Vergleich zu anderen Berliner Friedhofsanlagen der gleichen Entstehungszeit hat Seltenheitswert. Gräber, die eine Besichtigung lohnen, sind das Erbbegräbnis der Familie Fröhlich, die Grabstellen von Ernst Herter, Friedrich von Falz-Fein und das Grab von Reinhold Begas, dessen Werk uns unter anderem auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof an der Bergmannstraße wiederbegegen wird. Falls der Eingang in der Naumannstraße nicht geöffnet sein sollte, finden Sie einen weiteren Eingang nur ein paar Schritte die Kolonnenstraße runter, direkt neben dem Robert Blum Gymnasium.

Boule, Café und Kirche

von Manfred Brückels - CC BY-SA 3.0 via WikimediaCommons
von Manfred Brückels - CC BY-SA 3.0 via WikimediaCommons

Wieder zurück auf der Naumannstraße können Sie am Naumann Park kurz links zum Alfred-Lion-Steg abbiegen und dann entweder bei den Boule Spielern oder den Beachvolleyballern zuschauen oder im Cafe Mon Cheri einen Kaffee trinken. Alternativ biegen Sie in die Gustav-Müller-Straße rechts ein und lassen sich in der Leckereienfabrik die hervorragenden veganen Frühstücke, Kuchen oder kleinen Mittagsgerichte schmecken.

 

Am Gustav-Müller-Platz finden Sie die 1912 geweihte Königin-Luise-Gedächtniskirche. Architekt der Saalkirche ist der aus Friedenau stammende Fritz Berger; benannt wurde sie zu Ehren der in Preußen hochverehrten Königin Luise, an deren 136sten Geburtstag die Kirche eingeweiht wurde. Das Oktogon bietet bis zu 750 Gläubigen Platz und wurde durch den Krieg nur leicht beschädigt. Aber wie so oft, was der Krieg nicht schaffte, schaffte die Nachkriegszeit; das Gebäude verfiel, wurde als Lagerraum genutzt und erst 1962 renoviert. Im Innenraum finden sich fast keine Spuren der ursprünglichen Ausschmückung, man hatte die Wandmalereien einfach überpinselt. Die Kirche ist unregelmäßig offen, am besten Sie erkundigen sich vorher bei der Pfarrei. 

Inselzentrum

Weiter geht es auf der Gustav-Müller-Straße, links auf die Kolonnen- und sofort wieder links in die Leberstraße. Diese ist die Hauptschlagader des Kiezes; hier gibt es die meisten Geschäfte, einen China-Imbiss, mehrere Pizzerien, einen Trödler, einen Secondhandladen für Kinderkleidung. Das Mokalola ist ein schöner Kaffeeladen, das Schwesterschiff Nosh Deli  hat eine großartige Dachterrasse und eine tolle cross-over Küche und ein bißchen weiter die Straße runter findet sich das Mehlstübchen, Berlins einzige Mehlmanufaktur. Sogar Zöliakie-Geschädigte finden hier Rat, wie sie Brot backen und essen können. An der Ecke Leuthener Straße hat seit Kurzem der Weinverein Rote Insel aufgemacht. Fokussiert ist man auf Weine aus Rheinhessen, dazu werden Kleinigkeiten wie Flammkuchen, warme Fleischwurst oder verschiedene kalte Gerichte serviert. Ein Laden vom Kiez für den Kiez und täglich ab 17:00 offen. Noch etwas weiter die Leberstraße runter findet sich Haus Nummer 65, das Geburtshaus von Marlene Dietrich.   

Die Gotenstraße ist eine ruhige Wohnstraße, mit der Jansen Cocktail Bar gibt es aber ein Kleinod der Barkultur für die Bewohner. An der Ecke Goten- & Roßbachstraße hat sich seit kurzem der Verein Über den Tellerrand etabliert. Bei gemeinsamen Kochkursen lernen sich Berliner und Flüchtlinge kennen, die Berliner lernen darüberhinaus  auch noch die Heimatküche der Geflüchteten kennen. An der Ecke Goten - & Cheruskerstraße schließlich finden Sie das schöne Wirtshaus Heuberger; es gibt einen relativ kleinen Biergarten und zwei schöne Gasträume drinnen. Serviert wird beste süddeutsche Küche: Käsespätzle, Maultauschen und Schnitzel, aber auch Salate und eine gute Berliner Kartoffelsuppe. Ein schöner Ort der Einkehr zu einem guten bürgerlichen Essen.

Der Gasometer

Und zum Abschluß unseres Rundgangs über diesen Teil der Insel gelangen wir an den alles überragenden Gasometer. 1910 errichtet ist er ca. 78 Meter hoch und hatte ein Speichervolumen von 160.000 cbm Gas. Seit 1995 ist der Gasometer nicht mehr in Betrieb und steht heute unter Denkmalschutz. Um die Nutzung des Geländes gab es lange Auseinandersetzungen zwischen den Bewohnern und dem Bezirksamt; man fürchtet(e) – sicherlich nicht zu Unrecht – den Ausverkauf des Areals und damit des Kiezes. Ein Hotelgebäude war geplant aber ist bisher nicht realisiert worden; auf dem Campus haben sich aber inzwischen eine Vielzahl von Unternehmen, vornehmlich aus der Energiebranche, angesiedelt; das alles firmiert unter dem Namen EUREF. Unter der Kuppel des Gasometers gibt es ein Fernsehstudio, aus dem Günther Jauch seinen Sonntags Talk gesendet hat und das für Veranstaltungen gebucht werden kann. Seit Mitte 2015 kann man unter der Woche auch noch hervorragend essen; Thomas Kammeier, über Jahre sternengekrönt im Hugos im Hotel Intercontinental, bietet in der Werkstatt regionale und saisonale Gerichte an. Wer schwindelfrei ist, kann den Gasometerturm sogar im Rahmen einer Führung besteigen. Am Campus entlang befindet sich der Cherusker Park, der am Grünstreifen Thorgauer Straße endet; er wird von den Anwohnern bei Sonnenschein rege genutzt.      

 

Über die Cherusker Straße zurück geht es zur Czeminskistraße und weiter zur Langenscheidtbrücke. An der Brücke liegt die Kneipe Barkett, in einem ehemaligen Parkettlager. Sonntags gibt es Brunch, unter der Woche ist nur abends geöffnet und das Augenmerk liegt mehr auf dem Trinken als dem Essen; und es gibt regelmäßig live Musik und kulturelle Veranstaltungen. Ein kurzer Abstecher Richtung Crelle Kiez bietet sich hier an. Auf der anderen Seite an der Ecke Langenscheidt-/ Erdmannstraße befindet sich die La Cantina Augusta, ein französischer Feinkostladen mit angeschlossenem kleinen Bistro.  Direkt daneben die Schröersche Buchhandlung, eine kleiner feiner Laden mit allerdings etwas ungewöhnlichen Öffnungszeiten.   

 

Lachen und Weinen sind Nachbarn

Zurück auf der Monumentenstraße gehen Sie weiter Richtung Kreuzberg und passieren das Scheinbar Varieté, das kleinste Varieté Deutschlands. Schon so mancher der beim Open Stage Varieté auftrat, nennt Comedy inzwischen seinen Beruf.

 

Gegenüber des Varietés befindet sich der Alter St. Matthäus Kirchhof. Die Stammkirche der Gemeinde war die St. Matthäus Kirche auf dem Gelände des heutigen Kulturforums. Das im Krieg völlig zerstörte Geheimratsviertel zwischen Landwehrkanal und Tiergarten war eine der wohlhabendsten Wohngebiete Berlins; hier wohnten Unternehmer, hohe  Beamte, Künstler und Wissenschaftler. Entsprechend natürlich auch die Ausstattung der Gräber; Sie finden hier aufwendig gestaltete Wandgräber und Mausoleen und über 50 Ehrengräber des Berliner Senats. Die Gräber der Frauenrechtlerin Minna Cauer, der Gebrüder Grimm und des Mediziners Rudolf Virchow sind fast bescheiden, das Langenscheidt Mausoleum und Grabstätte Hansemann sind hingegen wahre Prachtbauten ihrer Zeit. In manchen dieser Mausoleen könnte man wohnen, sie sind richtige Häuser. Seit 2014 gibt es die Möglichkeit den Kirchhof mit der „Friedhofs App“ zu entdecken.     

Mit Aroma in die Hochkirchstraße

Richtung Monumentenbrücke biegt man links in die Hochkirchstraße ab. Ganz untypisch für Berlin schlängelt sich die Straße in mehreren Kurven Richtung Großgörschenstraße hinab. Linden säumen den Weg und mitten drin, wie auf einer kleinen italienischen Piazza liegt das Cafe Aroma. Der Name ist irreführend – es handelt sich hier um eine traditionelle Trattoria, seit Jahren geführt von zwei sehr engagierten Italienern, die nach Slow Food Richtlinien einkaufen und kochen. Zum Abschluß eine sehr empfehlenswerte Adresse; auf der Terasse bei Vino et Pasta mit Blick auf die Protzbauten am Potsdamer Platz lässt sich der Tag wunderbar ausklingen.     

 

Die Rote Insel ist ein besonderer Kiez, aufgrund seiner Lage lange vergessen und deshalb immer noch ursprünglich, fast ein bißchen verschlafen. Das hier ist kein Szenekiez und nur langsam ändert sich die Bevölkerungsstruktur; sie wird jünger und diversifizierter aber nicht hip oder posig. Die Geschäfte und Kneipen sind am Bedarf der Bewohner ausgerichtet; man lebt mitten in der Stadt und doch ruhig und - inzwischen - auch grün. Ein sehr lebenswerter und liebenswerter Ort.       

 

 

 

SBahn - Julius-Leber-Brücke

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Kommentare: 3
  • #1

    Juliane Gassert (Donnerstag, 08 Dezember 2016)

    Schöne Sicht auf ein vielseitiges Viertel abseits des mainstreams,!
    Wie es dieser Blog ja in seiner Einleitung verspricht.
    Eine Frage hätte ich: wieviel Zeit wäre denn einzuplanen für diesen Rundgang?
    Sicher empfiehlt sich ein ganzer Tag bei dieser Fülle?
    Vielen Dank, Juliane

  • #2

    Charlotte@fortsetzungberlin (Freitag, 09 Dezember 2016 09:18)

    Hallo Juliane,
    ich würde 4-5 Stunden einplanen; kommt natürlich auch ein bißchen darauf an wie häufig Sie einkehren wollen und wie lange Sie z.B auf den Friedhöfen oder in einzelnen Geschäften verweilen.
    Viel Spaß beim Erkunden und falls Sie etwas Neues entdecken bitte Bescheid geben.
    Charlotte

  • #3

    Katharina (Montag, 23 Januar 2017 16:52)

    Und wieder ein grosses Dankeschön an Dich! Das ist wirklich ein sehr schöner Spaziergang. Auch bei winterlichen Temperaturen unbedingt empfehlenswert. Aufwärmen kann man sich ja gut im Mokalola.

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