Vom Anfang Wilmersdorfs

von Fridolin freudenfett -CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
von Fridolin freudenfett -CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Willmerstorff – sic(!) wird erstmals 1293 urkundlich erwähnt und war lange nur ein Dorf, in dem Schafzucht und Fischfang betrieben wurde. Sein Zentrum lag an der heutigen Wilhelmsaue, wo immer noch die Dorfkirche steht. Mit der Residenzstadt Berlin wurde Wilmersdorf bereits im 16. Jahrhundert durch den  “Churfürstendamm” verbunden; Kurfürst Joachim II. ließ nach der Erbauung des Jagdschlosses am Grunewaldsee einen Knüppeldamm durch das sumpfige Gelände bis zum Berliner Schloss anlegen, der von den kurfürstlichen Jagdgesellschaften genutzt wurde. 

 

Der Maler Hanns Fechner schilderte in seinen Kindheits- und Jugenderinnerungen das Dorf um 1870: “Um die Hauptstraße, die Aue in Wilmersdorf, mit ihrem urtümlichen Gemeindeteichlein, auf dem sich die Enten und Gänse in buntem Durcheinander tummelten, ihren schönen uralten Linden und Kastanien, lagen die Gehöfte der Großbauern in Wilmersdorf…”. Arm war man zu dieser Zeit also schon nicht mehr aber idyllisch war es im Dorf.  

Ein Mann seiner Zeit voraus

Und dann - Auftritt Johann Anton Wilhelm von Carstenn; ein Visionär, dem früh klar war, dass sich Berlin als Hauptstadt des 1871 gegründeten Kaiserreiches schnell ausdehnen würde.

 

Nach seinen Plänen sollten Berlin und Potsdam zu einer Stadt werden, in der Mitte der Grunewald als Park. Und so kaufte er Gelände um Gelände, ließ die Kaiserallee, die heutige Bundesallee, anlegen und entwickelte ein streng geometrisches System aus Straßen und Plätzen, welches noch heute existiert: die sogenannte "Carstenn-Figur" - strukturiert von einer  zentralen Allee und umlaufenden Straßenzügen, die von vier Plätzen umrandet werden. In Wilmersdorf sind dies  Nikolsburger-, Prager-  Nürnberger- und Fasanenplatz, im heutigen Schöneberg entwickelte er Friedenau.

 

Aber wie so viele Visionäre war Carstenn seiner Zeit voraus und hatte sich übernommen, so dass er Konkurs anmelden musste. Das Gebiet um die neu angelegten Straßen blieb zunächst bis auf einige alleinstehende Villen, unbebaut. Erst um 1890 begann die weitere Bebauungsphase, die sich nun mit rasanter Geschwindigkeit auf die gesamte Wilmersdorfer Fläche ausdehnte. Innerhalb weniger Jahre wuchs Wilmersdorf von einem kleinen Ort mit knapp 5.000 Einwohnern zu einer Großstadt mit über 100.000 Bewohnern, die 1906 Stadtrechte erhielt. Um reiche, steuerkräftige Berliner Familien anzulocken wurde 1913 die heutige U3 vom Wittenbergplatz bis Krumme Lanke eröffnet. Durch diese Anbindung an Berlin konnte Haberlandt die Gartenstadt Rheingau Viertel am Rüdesheimer Platz erfolgreich entwickeln. 

Bismarck will die Champs Élysées für Berlin

Auf Initiative Bismarcks wurde im Juni 1875 per Kabinettsorder der Ausbau des Kurfürstendamms nach Vorbild der Champs Élysées beschlossen. Zeitgleich entstand an dessen westlichem Ende ein nobles Villenquartier, die Kolonie Grunewald. Das sumpfige Waldgelände wurde trockengelegt, wodurch die künstlich angelegten Grunewaldseen Diana-, Koenigs-, Hertha- und Hubertussee entstanden. Walther Rathenau, der 1922 in der Königsallee einem Attentat zum Opfer fiel, Max Planck, Alfred Kerr, Gerhart Hauptmann, Vicki Baum, Lion Feuchtwanger,  Samuel S. Fischer, die Familie Ullstein und viele andere bildeten das kulturelle Zentrum der Villenkolonie. In der Gegend rund um den Kurfürstendamm lebten unter anderem Erich Kästner, Bert Brecht, Helene Weigel, George Grosz, Anna Seghers, Erich Maria Remarque, Max Pechstein, Heinrich Mann und Arnold Zweig.

 

Der Kurfürstendamm selbst wurde mit seinen Wohnpalästen schnell zur bevorzugten Wohnaddresse; 1913 lebten hier 120 Millionäre. Auf Grund seiner berühmt-berüchtigten Cafés - wie  Café des Westens, auch “Café Größenwahn” genannt oder dem Romanischen Café, war der Boulevard aber auch einer der Treffpunkte von Schriftstellern, Schauspielern, Malern und Bohèmians, es gab die Max-Reinhard-Bühne, das Kabarett der Komiker, Varietés und Kinos, z.B. das Universum, heute Heimat der Schaubühne; der Kurfürstendamm war der Inbegriff des kulturellen Lebens in den “Goldenen Zwanzigern”. Ein Kuriosum am Rande - 1925 wurde das Teilstück östlich des heutigen Breitscheidplatzes bis zum Lützowufer in “Budapester Straße” umbenannt. Da aber die ursprüngliche Grundstücksnummerierung beibehalten wurde, beginnt der Kurfürstendamm seit dieser Zeit mit Hausnummer 11.

Drittes Reich und die Wilmersdorfer Witwen

Die Nationalsozialisten bereiteten der kulturellen Blütezeit ein jähes Ende; Wilmersdorf entwickelte sich zu einem Verwaltungszentrum des Dritten Reiches. Am Fehrbelliner Platz befand sich unter anderem das Dienstgebäude der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Das Rathaus Wilmersdorf, seit 2015 eine Flüchtlingsunterkunft, war ab 1943 das Verwaltungsgebäude für das Oberkommando des Heeres. Geschichte kann so schön zynisch sein. Da sich viele Mitarbeiter der Verwaltung im Bezirk ansiedelten, die Männer aber oft im Krieg gefallen waren oder früh starben, entwickelte sich nach dem Krieg das Phänomen der Wilmersdorfer Witwe, die dem Bezirk lange den Stempel der Spiessigkeit und Gestrigkeit aufdrückte.  

 

Bis zum Dritten Reich war Wilmersdorf ein Bezirk mit besonders hohem Anteil jüdischer Bevölkerung; bis 1933 betrug er 13%, Gesamtberlin hatte einen Anteil von nur 3,8%. Ab 1941 wurden vom Bahnhof Grunewald zehntausende Juden in die Vernichtungslager im Osten transportiert. Seit Oktober 1991 erinnert an Gleis 9 ein Mahnmal des Künstlers Karol Broniatowski an die Deportation.   

 

Im Zweiten Weltkrieg wurde Wilmersdorf durch Luftangriffe schwer getroffen. 44% aller Wohnungen waren zerstört, vor allem rund um den Kurfürstendamm. Nach dem Krieg blieb das Viertel eine Hochburg der Verwaltung, an der Grenze zu Schöneberg an der Bundesallee etablierte sich aber auch mit einem Standort der HdK sowie dem Haus der Berliner Festspiele, ein Schwerpunkt der Kulturschaffenden. Nicht zu vergessen die Galerie Bremer, die jahrzehntelang ein Anker im Berliner Nachtleben war. 

Großstadtleben der gehobenen Art

Wilmersdorf galt / gilt als spiessig und langweilig; teilweise ist es sicherlich ein ruhiger Bezirk. Die Villenkolonie im Grunewald, seit 2004 allerdings als Ortsteil Grunewald geführt, ist immer noch ein bevorzugtes Wohngebiet für Menschen mit einem Hang zur Ruhe, aber mit den Kiezen um die Güntzelstraße, die noblen Fasanen – und Pariserstraße mit dem Ludwigkirchplatz, dem Rheingau Viertel und dem unter dem Namen Thaipark firmierenden Preußenpark, haben sich Schwerpunkte großstädtischen Lebens etabliert. Geruhsamer als anderswo, aber lange nicht so engstirnig und piefig wie viele denken.

 

Wer den Alltag vieler, zugebenermaßen besser gestellter Berliner, erleben will, der ist hier richtig. Und ihre Großzügigkeit und Internationalität haben die Wilmersdorfer auf beeindruckende Weise 2015 zur Schau gestellt, als sie innerhalb kürzester Zeit das alte Rathaus Wilmersdorf in eines der größten Berliner Flüchtlingsheime umgewandelt haben und seitdem „Wilmersdorf hilft“ tatkräftig am Leben erhalten.

 

Wie so oft - der zweite Blick lohnt unbedingt.          

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Elisabeth (Sonntag, 05 Februar 2017 18:49)

    Schöner und lesenswerter Überblick über einen verkannten und unterschätzten Bezirk.

  • #2

    Charlotte@fortsetzungberlin (Sonntag, 05 Februar 2017 18:54)

    Hallo Elisabeth,
    in der Tat - Wilmersdorf ist so viel besser als sein Ruf. Aber auch schön, wenn ein Stadtteil noch überraschen kann.
    Charlotte

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