In einem denkmalgeschützten Gebäude von 1913 am Kreuzberger Oranienplatz hat diese Woche das Orania.Berlin eröffnet. Im Kiez ist das Projekt nicht unumstritten; nicht wenige fürchten einen weiteren Ausverkauf der Gegend, die ohnehin schon stark im Gentrifzierungsdruck steht. Ein Projekt, assoziiert mit einem Small Leading Hotel ot the World wie Schloss Elmau, den meisten durch den G7 Gipfel 2015 bekannt, wirft verständlicherweise bei den Nachbarn Fragen auf.

 

Allerdings – das Gebäude stand seit Jahren leer und das Hotel will  mit seinem Konzept so viel mehr sein als ein reiner Beherbergungsbetrieb. Wenige Wochen vor der Eröffnung haben die Betreiber die Nachbarn eingeladen, sie gehen sehr bewusst mit der Thematik um, agieren wie es scheint insgesamt behutsam.      

 

Anfang des 19ten Jahrhunderts befand sich hier das Oranienpalast Kabarett-Kaffee, welches seinen Gästen gutes  Essen und Auftritte herausragender Berliner Künstler bot. Später nutzten das Kaufhaus Brenninkmeyer, eine Kleiderfabrik, unterschiedliche Clubs und ein Supermarkt das Gebäude.

 

An die Tradition des Oranienpalastes und auch an die Tradition Kreuzbergs als Wohn-& Arbeitsort von Künstlern will das Orania.Berlin anknüpfen. Das Erdgeschoß mit Restaurant, offener Küche, Bar und Konzertbühne ist als großes Wohnzimmer konzipiert. Berliner, Kreuzberger, Künstler sollen mehrmals pro Woche mit Konzerten und Lesungen auftreten und so die die kulturelle Verankerung in den Kiez ermöglichen.  

 

Das Restaurant wird von Philipp Vogel geleitet, der sich in Wien einen Michelin Stern erkocht hat. Die Einrichtung ist lässig-elegant, lange Sofas an den Fenstern, Vorhänge, die wie Windspiele den Restaurantbereich optisch vom Barbereich trennen, viel Holz, sattes warmes rot und als Clou einige Hochtische direkt an der Küche.

 

Vogel ist ja dafür bekannt, sich pro Gericht auf drei Zutaten zu konzentrieren, was er auch in Berlin auf kongeniale Weise fortführt. Die Karte ist relativ klein gehalten, man wählt entweder à la carte oder kann sich ab 2 Personen einen Querschnitt der Küche unter dem Motto Schwein, Rind, See & Meer teilen.       

   

 

Wir starteten mit Tartar vom Rind und Tomate Mozzarella. Die klassische italienische Vorspeise wurde durch die Beigabe von Matcha interessant und neuartig. Das Tartar war große Kunst – Salz, Pfeffer, Zitrone, Ei – mehr nicht und natürlich schmeckt man die volle geschmackliche Wucht der außergewöhnlichen Zutaten. Ich bin kein großer Fleischesser, aber wenn, dann muss Fleisch so schmecken. Die Schnittlauchstulle auf Brot von Sironi rundete das Gericht ab und könnte sogar als Reminiszenz an den Berliner Hackepter verstanden werden. 

 

Die Hauptgänge Petersfisch mit Amalfi Zitrone und Kalbsbacke mit alten und neuen Zwiebeln waren in ihrer Reduzierung ebenfalls auf den Punkt gekocht. In Frankreich nennt man ja den St. Pierre auch Poule de Mer – Meerhühnchen - was eine ziemlich treffende Beschreibung des festen, weißen Fleisches ist. Der Fisch war nicht überwürzt, was dem feinen Geschmack zusetzen würde, dazu die Zitronenessenz, die Zitronen als Gemüse, etwas grüner Spargel; ein Glück das kosten und genießen zu dürfen. Die Kalbsbäckchen von jener Zartheit, die beim bloßen Ansehen schon zerfällt, was nur durch stundenlanges Schmoren bei niedriger Hitze gelingt. Auch hier – die Begleitung spürte Glückseligkeit. Neben den Zwiebeln fanden sich noch zweierlei Erbsen in dem Gericht; die Cremigkeit der Schalerbse war ein guter Begleiter der leichten Schärfe der Zwiebeln.   

 

Die Weinkarte ist umfangreich und bietet viele hervorragende Positionen, aber auch die offenen Weine sind keine Notlösungen und mit EUR 4,50 für 0.1 auch gastfreundlich kalkuliert für die angebotene Qualität. Der Service war umsichtig, professionell, freundlich und hatte die richtige Mischung aus Distanz und Nähe zum Gast.

 

Mein Fazit – ein schönes neues Restaurant ist hier entstanden, dem man natürlich die professionellen und finanziellen Ressourcen im Hintergrund anmerkt. Schon in Woche eins ist das Team eingespielt, hier passieren keine Fehler; das ist Gastgebertum auf ganz hohem Niveau mit viel Wissen und Erfahrung. Aber nicht steif sondern urban und lässig, großstädtisch und weltläufig. 

 

Passt das nach Kreuzberg – ich weiß es nicht. Man ist aber insofern quergeistig und  unangepasst, als man sich dem aktuellen Berliner Küchentrend zu saisonal, lokal und reduziert verweigert und auch Veganer hier nicht auf ihre Kosten kommen werden. Der Kontrast zwischen der feingeistigen Ästhetik des Orania.Berlin und der Realität auf der Oranienstraße und am Kottbuser Tor ist allerdings schon groß.  Aber im Endeffekt ist ja genau das der Spannungsbogen, in dem sich Berlin permanent befindet.

 

Oranienplatz 12 – Kreuzberg  / / www.orania.berlin / Bus M29 Oranienplatz - U8 Moritzplatz – U1- U8 Kottbuser Tor /  Preise - €€

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

News

1000x Berlin. Das Online-Portal zur Stadtgeschichte

1000 Fotografien aus den Sammlungen der Berliner Bezirksmuseen und des Stadtmuseums Berlin geben einen faszinierenden Einblick in die Stadtgeschichte. Aus Anlass des 100. Jubi­lä­ums von Groß-Ber­lin erzäh­len sie von einer Groß­stadt, die 1920 durch Par­laments­be­schluss aus Städ­ten, Landgemeinden und Gutsbezirken zusammen­gefügt wurde. 150 thematische Fotoserien zeigen, wie sich das Bild Berlins von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart verändert hat. Alle Infos – hier

 

Zu wenig Parfüm, zu viel Pfütze.“ Hans Baluschek zum 150. Geburtstag - 12.Mai - 27.September 2020

Hans Baluschek war scharfer Beobachter, brillanter Künstler und engagierter Chronist seiner Zeit. Schon früh konfrontierte der 1870 geborene Maler, Grafiker und Illustrator das Publikum mit ungewohnt realistischen Darstellungen des Berliner Lebens. Ihn interessierten die Folgen der Industrialisierung, die Lebensumstände des Proletariats, Armut, Hunger und Verwahrlosung in den unteren Gesellschaftsschichten einer großen Stadt. Zum 150. Geburtstag des Künstlers zeigt die Ausstellung im Bröhan-Museum nun einen umfassenden Überblick seines Werkes und spannt dabei einen Bogen vom Kaiserreich bis in die Jahre der Weimarer Republik. Alle Infos – hier.     

 

Kiezgeschichten 19.Juni – 04.Oktober 2020  
Vor 100 Jahren entsteht Berlin, wie wir es heute kennen. Alt-Berlin wird mit den umliegenden Städten, Dörfern und Gutsbezirken zu Groß-Berlin zusammengeschlossen. Zu ihnen gehören Friedrichshain und Kreuzberg – zwei Kunstprodukte, die aus den Stadtteilen der historischen Stadtmitte geformt und nach Parkanlagen benannt sind. Die Ausstellung im FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum erzählt Kiezgeschichten aus den vergangenen 100 Jahren. Mehr Infos - hier.

Potsdamer Konferenz 1945 – Die Neuordnung der Welt – 23.Juni – 31.Dezember 2020
Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) zeigt anlässlich des 75. Jahrestages der Potsdamer Konferenz eine Sonderausstellung im Schloss Cecilienhof. Am authentischen Ort erleben die Besucher eine multimediale Zeitreise in die schicksalshaften Tage des Sommers 1945. Alle Infos – hier  

Fragile Times – 04.Juli – 25.Oktober 2020
Klimawandel, Umweltverschmutzung und Artensterben sind nur einige der Schlagworte, die viele Menschen in Sorge versetzen. Dennoch kommt es bei den Wenigsten zu nachhaltigen Verhaltensänderungen.  Die Ausstellung in der Galerie im Körnerpark beschäftigt sich mit dem fragilen Verhältnis von Mensch und Natur und sucht nach Wegen, dieses neu auszuloten. Mehr Infos – hier.
 

Mitte(n) in Reinickendorf – 06Juli – 25.Oktober 2020
Und noch eine Ausstellung zu Berlin 100. Zwischen den Landgemeinden des späteren Bezirks Reinickendorf erstreckten sich vor über hundert Jahren noch Waldflächen und freie Felder. Durch die Eingemeindung Berlins wurde sie Teil des Zukunftraums Berlin. Anhand von Fotografien, Karten, Gemälden und Interviews mit Bewohnerinnen und Bewohnern wird in der Ausstellung die unterschiedliche Entwicklung und Vielfalt Reinickendorfs deutlich. Mehr Infos – hier 

 

Stasi in Berlin – noch bis 31.Dezember 2020

Die Sonderausstellung „Stasi in Berlin“ der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen zeigt die Dimensionen der staatlichen Repression durch den Staatssicherheitsdienst der DDR sowohl in der Hauptstadt der DDR als auch in West-Berlin. Auf einem begehbaren, 160 qm großen Luftbild erkunden die Besucher mit Hilfe von Tablets zahlreiche Dienstobjekte und tausende konspirative Wohnungen. Fotos, Videos und Schriftstücke verdeutlichen das Ausmaß der Überwachung. Alle Infos – hier.