Der Anfang

Herzstück des Kiezes ist die namensgebende Akazienstrasse. Eingerahmt wird das Viertel von der Grunewaldstrasse im Norden, der Hauptstrasse im Osten und Norden und der Martin– Luther-Strasse im Westen. Für unseren Spaziergang fassen wir die Geographie aber etwas weiter und nehmen die Strassen nördlich der Grunewaldstrasse bis zur Pallasstrasse auch noch mit auf unseren Besuchsplan.   

 

Charakteristisch ist die Vitalität im Kiez, viele Cafés, Kneipen und Restaurants, Läden die Kunsthandwerk verkaufen, Antiquariate, Einrichtungsgeschäfte und Kleidungsläden sind hier zu finden. Die Straßen sind auch unter der Woche voll und die Cafés sind immer gut besucht. Hier wohnen Großstädter, abgeklärt aber offen und neugierig.  

 

Besonders der Norden und der Westen Schönebergs wurden durch die Luftangriffe der Alliierten im Zweiten Weltkrieg  stark zerstört; etwa ein Drittel des Wohnungsbestandes ging verloren. Rund um die Akazienstrasse sind aber noch viele Gründerzeithäuser zu finden, dennoch sind natürlich die Baugrausamkeiten der Nachkriegszeit nicht zu übersehen.

 

Kleist, Freisler, Recht und Kunst

Königskolonnaden am Kleistpark - Berlin Schöneberg
Königskolonnaden am Kleistpark - Berlin Schöneberg

Wir beginnen unseren Ausflug am U-Bahnhof Kleistpark und folgen der Potsdamer Strasse kurz nordwärts bis zu den Kolonnaden am Heinrich-von-Kleist-Park. Ursprünglich wurde der Park vom Großen Kurfürsten als Küchen- & landwirtschaftlicher Mustergarten angelegt. Von 1801 bis 1898 wurde der Park dann zum Botanischen Garten entwickelt, bevor dieser auf ein sechsmal größeres Areal nach Lichterfelde umzog. 1911, zum hundersten Todestag Heinrich-von-Kleists, wurde der Park zu dessen Ehren benannt. Ab 1945 war der Park für die Bevölkerung geschlossen, da im benachbarten Kammergericht der alliierte Kontrollrat seinen Sitz fand. Der Alliierte Kontrollrat war die oberste Regierungsgewalt in Deutschland vom Tag der Kapitulation am 8. Mai 1945 bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1949, später war im Gebäude die „Alliierte Luftsicherheitszentrale“ untergebracht. 

 

Man betritt den Park durch die Königskolonnaden, die ursprünglich zum Ensemble des Stadtschlosses gehörten, aber dem Bau der Stadtbahn weichen mussten und 1910 an diesen Standort versetzt wurden; sie enden am 1913 eingeweihten Neubau des Kammergerichtes. Dieses erlangte während des Dritten Reichs traurige Berühmtheit – der berüchtigte Roland Freisler wütete an diesem Gericht in furchtbaren Schauprozessen. Seit der Wiedervereinigung und umfangreichen Renovierungsarbeiten befindet sich die Behörde des  Berliner Kammergerichts wieder an ihrem angestammten Platz und die Berliner haben auch wieder Zugang zum Park. 

 

An der Grunewaldstrasse gelegen findet sich das Haus am Kleistpark, ein Standort der Kommunalen Galerien Berlins. Sie sollten unbedingt ein bißchen Zeit einplanen, sich die Ausstellungen hier anzuschauen. Zur Stärkung gibt es direkt gegenüber vom Kammergericht Berlin Homemade, einer der besten Eisläden der Stadt.

 

Die Goltzstrasse

Kachelhaus Goltzstraße Ecke Hohenstaufenstraße - Berlin Schöneberg
Kachelhaus Goltzstraße Ecke Hohenstaufenstraße - Berlin Schöneberg

Direkt an der Ecke Goltzstraße befindet sich ein Meisterstück der Gründerzeitarchitektur; das Kachelhaus wurde 1895 nach einem Entwurf von Richard Landé gebaut. Die gesamte Hausfassade ist mit glacierten und kunstvoll angeordneten Klinkern und Kacheln verziert. Beim genaueren Hinsehen fallen Freimaurersymbole auf und lächelnde maurische Gesichter aus Terrakotta. Direkt gegenüber in einer ehemaligen Apotheke, von 1892 bis 2008 war hier die Pallas-Apotheke beheimatet, befindet sich heute Winterfeldt Schokoladen. In der Originaleinrichtung, die der Apotheker Albert Porsch 1892 im Stil der Neorenaissance bauen ließ, kann man feinste Trinkschokoladen genießen oder Kaffee und hochwertige Schokoladenkreationen erstehen. 

 

Die Goltzstrasse und einige der Kneipen hier sind West-Berliner Legende. Das Café M war eines des Epizentren des wilden Berlins in den 80er Jahren. Hier feierten alle, denen Kreuzberg zu ranzig war und auch die sprichwörtliche Unfreundlichkeit des M Personals hielt keinen davon ab. Blixa Bargeld und Nick Cave waren Stammgäste und es scheint Menschen zu geben, die seit 1985 das M fast nie verlassen haben. War das M früher fast allein auf weiter Flur ist die Goltzstrasse inzwischen gut mit Restaurants und Kneipen versorgt. Ein schönes Restaurant ist das Sudaka an der Ecke Frankenstrasse. Es gibt Empanadas, Ceviche und vieles a la plancha – der portugiesische Koch Chakall hat sich hier sehr erfolgreich selbstständig gemacht. Direkt daneben finden Sie das Bis es mir vom Leib fällt; eine Änderungsschneiderei, die sich aber auch um das Umgestalten und Upcycling kümmert. Weitere empfehlenswerte Geschäfte zum Stöbern sind Kleiner Laden Berlin, FirstSecond Berlin und der Reisebuchladen Chatwin. Direkt neben dem Buchladen der ebenfalls empfehlenswerte Kleiderladen UVR connected. Für den kleinen Hunger empfiehlt sich der Hot Dog Laden, auch der ein Klassiker im Kiez, oder das Café Sorgenfrei. Der Name ist hier Programm, man wird in die 50er & 60er Jahre zurückgebeamt und kann für einige Zeit alle Sorgen der moderen Welt hinter sich lassen.

 

Gründerzeit, Nachkriegsballast und das schöne Leben

An der Franken – Ecke Kyffhäuserstraße befindet sich der Lebensmittelladen l’epicerie mit angeschlossenem Bistro; bei schönem Wetter ist die Terrasse sehr gut besucht und der Rosé schmeckt nachmittags besonders gut. Früher war im Laden gegenüber das Fischlabor, die Absturzkneipe im Kiez, die als erste Unterwassermusik auf den Toiletten spielte. Heute kann man hier bei Mattea B. hervorragende Kuchen bekommen, oft sind im Gastraum auch Ausstellungen zu sehen. Um die Ecke ist das Kulturhaus Schöneberg – ein Atelierraum des Bezirks Schöneberg. Seit 1997 wird das ehemalige Schulgebäude an der Kyffhäuserstraße von Künstlerinnen & Künstlern und  auch von Kulturinitiativen genutzt. Auf fast 2.000 Quadratmetern gibt es 33 Atelierräume, zwei private Musikschulen, eine Jugendmalschule, und auch das Jugend Theater Strahl hat hier seine Probebühne. Viele Künstler öffnen regelmäßig ihre Ateliers – eine vollständige Übersicht finden Sie hier - http://www.dezentrale-kulturarbeit.de/offene-ateliers.html 

 

Nach so viel Kunst bietet sich die Phoenix Lounge für einen Kaffee oder ein verspätetes Frühstück an; die Auswahl der Frühstücke ist phantastisch und auf der Ecke zur Barbarossastrasse sitzt man sehr gut. Direkt gegenüber bei Le Bretagne bekommt man hervorragende Crêpes und Galettes. Ein kurzes Stück die Karl-Schrader-Straße, wir kennen ihn und sein Wirken aus dem Wedding, hinunter  befindet sich das Pestalozzi-Fröbel-Haus; heute werden die Kinder hier nach dem Early Excellence-Ansatz, der sich an den individuellen Stärken eines jeden Menschen ausrichtet, gefördert und gefordert. Um 1880 als „Berliner Verein für Volkserziehung“ gegründet, gilt die Einrichtung als eine der ältesten Ausbildungsstätten Deutschlands für soziale Berufe. Die Professionalisierung von Frauenerwerbsarbeit im sozialen Dienstleistungsbereich wurde vom Pestalozzi-Fröbel-Haus maßgebend beeinflusst.

 

Am Barbarossaplatz bekommt man einen guten Eindruck der Kriegszerstörungen in diesem Teil Schönebergs; der südliche Teil ist komplett mit Nachkriegsbauten verschandelt, genauso wie die Fortführung der Barbarossastrasse zur Martin-Luther Strasse. Nur das Gebäude der früheren Mädchenschule, heute teils Grundschule und Teil VHS, blieb relativ unbeschadet und strahlt wieder im alten Glanz. Erbaut 1907 beeindruckt vor allem das imposante Treppenhaus und die klassizistische Fassade. Der Grünstreifen des Platzes ist relativ klein, der Kinderbrunnen, 1913 von Constantin Stark und Heinz Spilker entworfen, plätschert aber immer noch in seiner Mitte. Benannt wurde der Platz nach Kaiser Barbarossa, - wie kann es anders sein in der Nähe der Kyffhäuserstrasse.  

 

Ein kleiner Abstecher führt über Eisenacher-, Lindauer-, Starnberger und Schwäbische Strasse zurück zum Barbarossaplatz. Hochherrschaftliche Häuser geben einen Eindruck vom alten Glanz des Viertels. Das Haus an der Ecke Schwäbische Straße wurde erst kürzlich abgerissen; die Bewohner hatten lange – aber wie so oft vergeblich – gegen Abriß und letzlich ihre Verdrängung gekämpft. Aber im neuen Berlin haben Investoreninteressen Vorrang. Und so wird auch hier ein historisierender Bau für Besserverdienende gebaut, wie schon gegenüber an der anderen Ecke zur Schwäbischen Straße.   

 

Die Eisenacher Strasse führt uns weiter zur Grunewaldstrasse; wo heute das Salt n Sweet ist, war jahrelang die Turbine Rosenheim. Der Love Parade Begründer Dr. Motte eröffnete den Laden 1986, zunächst noch mit Independent- &  Sixties-Sounds, ab Sommer 1988 wurden dann die ersten Acid House Parties gefeiert. Irgendwann platzte der Laden aus allen Nähten, die Tanzfläche war mit 15 Leuten auch übervoll und die Turbine zog weiter nach Kreuzberg in die Glogauer Straße. 

 

Schräg gegenüber ein Lieblingsitaliener im Kiez – das bar tolucci - umgezogen von der anderen Straßenseite. In deren ehemaligen Räumen hat 2015 die Lochner Weinwirtschaft eröffnet. Gerlinde und Andreas Lochner hatten jahrelang ein Fine Dining Restaurant nahe des Potsdamer Platzes, bis sie beschlossen einen Gang zurückzuschalten und sich auf das zu fokussieren, was sie lieben: gutes, ehrliches Essen und feinen Wein. Der Gast bekommt eine vorzügliche Auswahl offener und Flaschenweine und dazu Weinbegleiter Tapas Style und ein wöchentlich wechselndes Abendmenü. Das ist alles ganz vorzüglich und so haben sich die Lochners schnell eine treue Fangemeinde erkocht und bewirtet. Wem der Sinn nach anderem steht: ein paar Schritte weiter bei Chay Village gibt es hervorragendes vietnamesisches Essen - aber Achtung: es ist immer voll.  

 

Luther und seine Straßen

Hausfront Wartburgstraße - Berlin Schöneberg
Hausfront Wartburgstraße - Berlin Schöneberg

Im Flying Colors bekommt man alles zum Drachensteigen, bei Trolby Second Hand qualitativ hochwertige Bekleidung für Kinder und bei Purzelbuch werden die Kleinen ans Lesen herangeführt.

 

Ein Schlenker lohnt sich in die Apostel-Paulus-Straße; die Häuser Nummer 32, 33 und 35 sind gut erhaltene wunderschöne Zeugnisse der Gründerzeitarchitektur. Wer Macarons liebt wird an der Makroenchen Manufaktur nicht vorbeikommen und für den Einkauf eines guten Rums  empfiehlt sich das Rum Depot. Weitere empfehlenswerte Einkehr bietet das Lenzig, ich mags allerdings im Winter lieber als im Sommer, da man drinnen irgendwie netter sitzt, oder das Pequeña Habana, das authentische kubanische Küche anbietet. Ein weiterer Schlenker lohnt zur Wartburgstrasse, Hausnummern 3, 4 und 52. An schönen Sommerabenden kann man die hochherrschaftlichen Zeugnisse einer vergangenen Epoche sehr schön auf der Terrasse des Renger Patzsch genießen.

 

Der Wartburgplatz wurde 1902 nach Plänen von Paul Egeling, Stadtbaurat der Stadt Schöneberg angelegt. Die Namensgebung des Platzes und der umliegenden Straßen war aber bereits 1899 festgelegt worden; da der Platz mit  der Martin-Luther-Straße abschließt, wurden auch die Anrainerstraßen nach Orten benannt, die in Bezug zu Luthers Leben standen: Eisenach, Gotha, Apostel Paulus.  Der Platz hat die Form eines Rechtecks, mit baumbestandener Wiese, verfügt über einen Spielplatz , mit Pferdefigur von Hilde Richter, und am nördlichen Ende des Platzes befindet sich das Kulturzentrum „Die Weisse Rose“, das bereits 1956 vom Bezirksamt als „Haus der Jugend“ eröffnet worden ist sowie die Thomas-Dehler-Bibliothek, eine Nebenstelle der Mittelpunktbibliothek Schöneberg. Ebenfalls am Nordrand steht die Skulptur „Die Kauernde“ der Berliner Bildhauerin Katharina Szelinski-Singer, die durch ihr Denkmal für die Trümmerfrauen im Volkspark Hasenheide bekannt wurde.  

Das kleine Geschichtsbuch

Rathaus Schöneberg
Rathaus Schöneberg

Schräg gegenüber erscheint monumental das Rathaus Schöneberg, erbaut bis 1914 nach Plänen von Paul Egeling und im Krieg schwer beschädigt. Der Wiederaufbau ab 1945 erfolgte nicht immer nach historischen Plänen, so wurde zum Beispiel der Rathausturm nur in vereinfachter Form restauriert. Während der Teilung Berlins hatten hier das Berliner Abgeordnetenhaus und der Senat von West-Berlin ihren Sitz. Im Turm befindet sich die Freiheitsglocke, eine Nachbildung der „Liberty Bell “ in Philadelphia, die auf Initiative des Generals Lucius D. Clay mit Spenden der amerikanischen Zivilbevölkerung den Berlinern gestiftet wurde. Seit 24. Oktober 1950 ertönt die mächtige Glocke jeden Tag um 12:00 mit durchdringendem Klang – jedes mal wieder ein Gänsehauterlebnis. Zu besonderen Anlässen und hohen christlichen Feiertagen wird die Glocke ebenfalls geläutet. Der Rathausturm kann im Rahmen von Führungen der VHS nach Voranmeldung bestiegen werden.   

 

Die letzte Sitzung des Senats fand 1991 statt, danach zogen Senat und Verwaltung in das Rote Rathaus am Alexanderplatz um; zurück blieb das Bezirksamt Schöneberg. Und so wirkt der Bau heute ein bißchen überdimensioniert für die zu erfüllenden Aufgaben, aber seine Wichtigkeit und Symbolkraft ist ungebrochen. Seit 2005 befindet sich in der Ausstellungshalle die Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ – Biografien jüdischer Zeitzeugen. Planen Sie ein bißchen Zeit dafür ein; es gibt momentan 150 biografische Alben im Lesesaal, denen es sich zu widmen lohnt.  

 

Auf dem Platz vor dem Rathaus findet seit dem Ersten Weltkrieg regelmäßig ein Wochenmarkt statt, heutzutage Dienstags und Freitags Vormittags, Samstag und Sonntag übernehmen die Trödler dann mit einem Flohmarkt. Ursprünglich hieß der Platz vor dem Rathaus Rudolph-Wilde-Platz, Bürgermeister der eben zur Stadt erhobenen Gemeinde Schöneberg von 1889 bis zu seinem Tod 1902. Nach dem triumphalen Besuch Kennedys wurde der Platz 1963, drei Tage nach seiner Ermordung in Dallas, in John F. Kennedy Platz umbenannt, der Stadtpark erhielt daraufhin den Namen Rudolph-Wilde-Park.       

Brutalismus und Kirchen

Direkt an der Kreuzung Dominicus – Martin-Luther-Straße findet sich das imposante Olex Haus. 1915/16 als Verwaltungsgebäude der DEA, eines deutschen Öl - & Gasunternehmens, gebaut, gehört es heute zur Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft. Erbaut wurde es vom Büro der Berliner Architekten Richard Bielenberg und Josef Moser, welches eines der kreativsten im Berlin des frühen 20sten Jahrhunders war und auch für den Tauentzienpalast – zerstört und abgetragen – das Deutschlandhaus und die heutigen Gebäude des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, der Deutschen Guggenheim und der Bayerischen Landesvertretung in Berlin verantwortlich zeichnete. 

 

Über die Belziger Straße erreicht man den Heinrich-Lassen-Park, der einen Durchgang zur Hauptstrasse bietet. Dort ist das Schöneberg Museum unbedingt sehenswert. In wechselnden Ausstellungen zur Stadt- und Kulturgeschichte Schönebergs und mit einem vielfältigen Programm wird ein integriertes Konzept von Geschichtsforschung und Geschichtsvermittlung betrieben. Hier an der Hauptstrasse finden sich auch einige prächtige Exemplare von Wohnhäusern der sogenannten Schöneberger Millionenbauern.  Auf dem Evangelischen Friedhof Alt-Schöneberg finden sich ihre Gräber, die in ihrer Pracht und Opulenz den Erbbegräbnissen auf den Friedhöfen reicherer Gemeinden in nichts nachstehen. Direkt neben dem Friedhof steht die Dorfkirche Schöneberg, ein schlichte Saalkirche, die 1945 komplett ausbrannte. Die evangelische Paul-Gerhardt-Kirche nebenan wurde im Stil des Brutalismus zwischen 1958-1962 nach Plänen des Architekten Hermann Fehling gebaut. Dieser war ebenfalls für den Neubau der katholischen St. Norbert Kirche an der Dominicusstraße verantwortlich. Diese wurde zwar auch im Krieg beschädigt, allerdings lange nicht so schwer. Doch stand sie nach dem Krieg dem Ausbau der Dominicusstraße im Weg - und so wurde kurzerhand die Nordhälfte abgerissen. Ein Teil des originalen byzantinischen Rundbaus wurde in den Neubau integriert.

Belziger Straße und Savoire-Vivre

Ehemaliges Fernsprechamt - Belziger Straße - Berlin Schöneberg
Ehemaliges Fernsprechamt - Belziger Straße - Berlin Schöneberg

Zurück auf der Belziger Straße kann man bei Aux Plaisirs wunderbare Tarten und Croissants erstehen, sie passieren die angeblich älteste Pizzeria der Stadt, Trattoria Roma, eröffnet 1965. Die Kneipe Das Narkosestübchen ist nicht nur bei den Alteingesessenen, sondern auch bei jungen Leuten sehr beliebt. Die frühere Hohenzollernschule, heute Gustav-Langenscheidt-Schule, an der Kreuzung Eisenacher Straße geht ebenfalls auf Pläne von Paul Egeling zurück. Das ehemalige Fernsprechamt Süd, 1926-1933 von Fritz Nissle erbaut, wird wie der ganze Komplex des ehemaligen Postamtes Schöneberg und mit in den Höfen geplanten Neubauten zum Gewerbezentrum "Bricks". Die übliche Mischung aus Gewerbebetrieben und Wohnungen entsteht, unter anderem als Hauptmieter eine Zweigstelle des Kabbalah Centers. Für Ärger über den Kiez hinaus sorgte aber bereits der Vorschlag, die Hauptzufahrt zum Komplex von der Belziger – und nicht von der Hauptstrasse zu gestalten. Blöd nur, dass die Belziger Straße Teil des offiziellen Berliner Radweges vom Wannsee nach Mitte und Kreuzberg ist. Wer im Berufsverkehr morgens und abends hier unterwegs ist, sieht sehr genau welchen Stellenwert der Radverkehr in Berlin haben sollte. Radfahrer sind absolut in der Überzahl. Und, ein solches Bauvorhaben schürt heuzutage oft, berechtigterweise, die Angst vor Verdrängung. Das Viertel ist natürlich schon lange etabliert, man gehört zu den besser gestellten bürgerlicheren Teilen der Stadt; aber es gibt sie noch, die heterogene Mischung unterschiedlichster Milieus und das soll so bleiben - dafür setzen sie sich hier ein. 

Bei den Galerien Under the Mango Tree und in der Galerie Gondwana unbedingt reinschauen für interessante und gut kuratierte Kunst. Hilaneh von Kories zeigt in ihrer eigenen Galerie Arbeiten ihrer Agentur Photoselection, die Kameraschwergewichte wie Sheila Rock oder Anton Corbijin entdeckt und betreut hat. Den nächsten Eisladen können Sie gar nicht verpassen – vor der Filiale von vanille & marille bildet sich regelmäßig eine Schlange bis auf den Fußweg. Die Papeterie cailun bietet Schönes und Nachhaltiges zum Verschenken und bei Greta & Luis kann man Kleidung erstehen, die es nicht überall gibt.  

 

Akazien Boulevard

Im Abschnitt der Akazienstraße zur Hauptstraße kann man bei Wild & Geflügel Albrecht hervorragende Wildspezialitäten von ausgewählten Jägern aus Brandenburg kaufen. Es gibt jede Menge Restaurants hier und inzwischen auch einen Standort von Schiller Burger, einem der ersten die den Hype in Berlin um kuratierte Burger ausgelöst haben. Ebenso hat Impala Coffee kürzlich eröffnet, das Hope Superfood Deli hat sich, wie der Name schon sagt auf Superfood spezialisiert, während das Easy Like Monday Morning gegenüber Health Food anbietet. Die Kochhaus Filiale ist das Stammhaus aller Kochhäuser, die es inzwischen ja nicht nur in Berlin gibt. Und, wer richtig gutes Fleisch goutiert, dem sei To Beef or Not To Beef empfohlen. Das Fleisch wird direkt aus der Toskana importiert und mit großer Könnerschaft gebraten. Das Ambiente ist einladend und die Weine gut. Viel mehr braucht man ja nicht zum Glücklichsein. Und für danach ist der Weg nicht weit zur Möve im Felsenkeller - eine Institution im Kiez und sogar literarisch verewigt. Wer gute Jeans sucht und gerne professionell beraten wird, wird bei frida blau sicherlich fündig und im Café Bilderbuch findet man sich in einem vergrößerten Wohnzimmer mit einer Kleinkunstbühne wieder, wo man häufiger interessante Entdeckungen machen kann.  

Es gibt unzählige gut sortierte Geschäfte mit individueller Auswahl, entsprechend dem Geschmack der Bewohner, dazu Delis, Cafés und Restaurants - unmöglich alle aufzuzählen, entdecken Sie selbst.

 

Läden, in denen ich immer wieder gerne stöbere sind Schönebag, mit Taschen aus LKW Planen mit Schöneberger Motiven, stil mixx Wohnzubehör, Zwo-Vier Mode, der Rioja Weinspezialist oder der Feinkostladen La Vendemia. Das Double Eye verkauft frisch gemahlene Bohnen, Kultstatus hat der Laden aber für seinen Baristi und die Kaffees, die sie zubereiten. Aber Vorsicht: es ist immer voll und Sitzplätze im und vor dem kleinen Laden Mangelware. Ein schönes Kaffee mit angeschlossenem Feinkostladen ist das Café Sur; abends gibt es häufiger Live Musik. Und das Choice serviert hervorragende vietnamesische Küche.  

  

Apostel-Paulus-Kirche

Apostel-Paulus-Kirche - Berlin Schöneberg
Apostel-Paulus-Kirche - Berlin Schöneberg

Vergessen Sie nicht ab & zu nach oben zu schauen, viele Häuser in der Akazienstrasse sind inzwischen als Baudenkmale klassifiziert. An der Ecke zur Vorbergstraße sind beide Objekte sehenswert, auf der Terrasse des Gottlob läßt sich auch noch die Apostel–Paulus-Kirche bewundern. Sie wurde bis 1894 im neugotischen Stil nach Plänen des Königlichen Baurates Franz Schwechten erbaut. Die dreitürmige Hallenkirche wurde im Krieg schwer beschädigt und bis 1949 wiederhergestellt. Die Glasmalereien haben aber, wie durch ein Wunder, den Krieg unbeschadet überlebt. In der Kirche finden regelmäßige Jazz- & World Music Konzerte statt. Zur Mittagszeit ist die Kirche unter der Woche für Besucher geöffnet.

 

Nicht unerwähnt bleiben sollen in der Vorbergstraße die Restaurants La Cocotte und das Restaurant Weingut sowie die Feinbäckerei, die allerdings keine Bäckerei ist, sondern ein schwäbisches Lokal.    

Prachtfeuerwerk

Haus Grunewaldstraße - Berlin Schöneberg
Haus Grunewaldstraße - Berlin Schöneberg

Das Eckhaus and der Grunewaldstraße 78 erschlägt einen fast mit seiner Pracht der historisierenden und verspielten Baukunst der wilhelminischen Zeit. Dieses üppig verzierte Haus wurde zwischen 1889 und 1892 von den Architekten  Koebe & Weismuller erbaut. Die Häuser 79/80/81 gehören zum selben Ensemble dieser Architekten. Das Martha's hat leider kürzlich geschlossen, dafür gibt es aber jetzt  die Sardinenbar, wo man neben der namensgebenden Sardine auch andere Köstlichkeiten aus dem Meer serviert bekommt. Daneben den großartigen Käse von Maitre Philippe & Filles, die sind nämlich Verwandtschaft. Beim Trödler nebenan kann man immer wieder gute Schnäppchen machen.   

 

Es lohnt ein weiterer Schlenker in das untere Ende der Goltzstraße. Shoeting ist gleich mit zwei Läden vertreten und bei Kochen&Würzen  wird auch der anspruchsvolle Hobbykoch fündig. Seit 2016 hat sich Gabrielle Jones mit eigenem Eisladen Jones hier ansässig gemacht, zuvor war sie nur mit ihrem Truck  in Berlin unterwegs. Die Fans kommen aus der ganzen Stadt nach Schöneberg, denn das Eis gilt als eines der besten in Berlin.   

 

Die Berliner Geschichtswerkstatt macht seit 1981 Forschungen, Publikationen, Ausstellungen, Führungen, Sammlungen und Veranstaltungen zur Berlin Geschichte. Schwerpunkte sind Nationalsozialismus, Frauengeschichte, Biographieforschung, Minderheiten und Alltagsgeschichte. In unterschiedlichen Projekten werden Themen aufgearbeitet, deren Resultate in Bücher und Führungen einfließen, vor allem aber in die sehr zu empfehlenden Dampferfahrten.

 

Der Akazienkiez ist weniger bekannt als andere, weniger angesagt und hip; er ist wandelbar, dynamisch, manchmal vielleicht einen Hauch konventioneller, aber dafür nicht prätenziös und posig. Es gibt Menschen aller Altersgruppen und Bevölkerungsschichten, die hier friedlich zusammenleben. Ein sehr lebenswerter Teil Berlins, an dem ich oft und gerne Zeit verbringe.    

 

U7 Kleistpark - Eisenacher Straße / U4 Rathaus Schöneberg 

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