Zimmermeister Brunzel baut ein Mietshaus

Die Dunckerstraße, mitten im hippen Kiez rund um den Helmholtzplatz, zählt seit ihrer Entstehung zu den am dichtesten besiedelten Wohnquartieren im Prenzlauer Berg. Ab 1900 entstand im Viertel in reger und hyperaktiver Bautätigkeit Haus um Haus, Straßenzug um Straßenzug.

 

1895 kaufte der Zimmermeister Heinrich Brunzel das Grundstück des Wohnhauses Dunckerstraße 77 von der Terraingesellschaft „Berliner Bauverein“, um darauf ein Wohnhaus zu errichten. Seit der Reichsgründung 1871 wuchs Berlin im rasanten Tempo: Gab es 1875 „nur“ eine Million Einwohner, waren es um 1900 schon zwei – und die in die Stadt strömenden Arbeitskräfte brauchten Wohnraum. Das Viertel war ein – fast – reines Arbeiterviertel mit den damals üblichen sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Arbeit boten die nahegelegenen Fabriken, zum Beispiel die Brauereien, die das gute Wasser auf dem Prenzlauer Berg nutzten.

 

Die „Museumswohnung Zimmermeister Brunzel baut ein Mietshaus“ zeigt exemplarisch die Errichtung und Einrichtung eines klassischen Gründerzeithauses für Arbeiter und die darin herrschenden Lebensverhältnisse seiner Bewohner. Die Wohnung im Vorderhaus besteht aus Stube, Kammer und Küche, mit viel Originaleinrichtung aus der Zeit um 1900, und informiert über die unterschiedlichen Wohnbedingungen und Lebenssituation der Bewohner im Vorderhaus und im Hinterhaus. Denn ja – wer im Vorderhaus wohnte, lebte besser – mehr Licht, mehr Luft in der Wohnung; man hatte es „geschafft“.

 

Es gibt keine Steckdosen, keine Heizung, dafür Kohle-Ofen, Bade-Bottich, Bettwärmer und Waschbrett; bis zu siebzehn Menschen lebten zusammen, drei Personen teilten sich eine 90cm Schlafstätte und oft wurden nicht benutzte Betten noch an sogenannte Schlafgänger vermietet. Man kann sich das heute kaum noch vorstellen, wie eng und bedrängt das Leben gewesen sein muss. Kein Raum für Individualität, keine Intimsphäre, keine Privatheit, keine Ruhe. Man bekommt einen sehr guten Einblick in die Verhältnisse der damaligen Zeit, der Not und dem Elend, die herrschten und unter denen die Menschen leben mussten. Unsere Vorfahren waren wahrlich harte Zeitgenossen.

 

In der „guten Stube“ – dem Wohnzimmer – gibt es einen Alt-Berliner Kohleofen, der mit weißen Kacheln verziert ist. Der Ofen wurde nur angeheizt, wenn Besuch kam, denn man lebte vor allem in der Küche, wo die „Kochmaschine“ den ganzen Tag über befeuert wurde und für Wärme sorgte. Die Balkone waren den Kleintieren, wie Hühnern oder Kaninchen, vorbehalten.

 

Neben der Wohnsituation widmet sich die Ausstellung Aspekten der Zuwanderung nach Berlin, der Bebauung und Besiedlung des Wohngebietes Helmholtzplatz und den schwierigen Lebens- und Arbeitsumständen in den Berliner Arbeitervierteln im Berliner Nordosten um 1900; exemplarisch erfährt man viel über die Zustände für Arbeiter und sogenannte „kleine Leute“ mitten in der Industrialisierung.

 

Die Museumswohnung ist ein Gemeinschaftsprojekt des Museums Pankow und der benachbarten Seniorenfreizeitstätte Herbstlaube. Die Senioren aus der Herbstlaube und der Seniorenvertretung Pankow beaufsichtigen während der Öffnungszeiten ehrenamtlich die Ausstellung und führen die Besucher durch die Räume – der Austausch mit den Besuchern ist unbedingt erwünscht. Denn die Senioren haben viel zu erzählen und ihnen ist sehr daran gelegen aufzuzeigen, wie sehr sich das Viertel verändert hat. Und sie wollen die Vergangenheit des Stadtteils vor dem Vergessen bewahren, denn kaum ein Kiez in Berlin hat sich in den letzten 20 Jahren so verändert wie der Prenzlauer Berg. Man lernt nicht nur das Leben um 1900 kennen, sondern erfährt viel über den Prenzlauer Berg in den letzten Jahrzehnten und seine Metamorphosen.

 

Ein wunderbares Projekt für das man sich unbedingt Zeit und Offenheit nehmen sollte. Der Eintritt kostet 3,-- EUR pro Person – um weitere Spenden wird gebeten.

 

Dunckerstraße 77 – Prenzlauer Berg / 030 445 2321 / Do – Di 11:00-16:30 / www.ausstellung-dunckerstrasse.de / S-Bahn Prenzlauer Allee - Tram M2 Fröbelstraße – Tram M12 Raumerstraße

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