Die ruhige Seite

Spreeufer Moabit
Spreeufer Moabit

Eingefasst wird das Westfälische Viertel von Alt-Moabit, Stromstraße und der Spree, die hier fast eine Art Halbinsel bildet. Die Levetzowstraße teilt den Kiez in zwei ungleiche Teile. Während das Gebiet von Wikinger- bis Hansa -Ufer fast ausschließlich ein Wohngebiet ist, ist der nördliche Teil sehr viel belebter mit schönen Geschäften und städtischem Leben.

 

Bis in die 1920er Jahre war das südliche Gebiet des Spreebogens nicht bebaut, weshalb man hier keine Gründerzeithäuser findet, sondern Genossenschaftsbauten. Vor allem in der Agricolastraße finden sich schöne Häuserzeilen mit äußerst durchdachter Bautechnik: die Stahlskelettbauten sind mit leichten, wärmeisolierenden Steinen ausgefacht, die die Häuser leichter machen; wichtig, wenn man auf diesem schlechten Untergrund baute. Es gibt einige, wenige Kiezkneipen und das GutsMuths Sportzentrum, aber vor allem gibt es - das Wikinger-Ufer. Hier sitzt es sich, egal zu welcher Tageszeit wunderschön und wildromantisch, aber zum Sonnenuntergang hat dieser Platz seinen ganz besonderen Reiz. Man schaut auf die Bauten des Hansaviertels und genießt den Augenblick.

 

Kleine versteckte Ecken gibt es auch am namenlosen Spreeufer in Richtung Wullenwebersteg und Hansa-Ufer. Anwohner genießen hier ihren Sun Downer oder ein kleines Picknick; so einfach kann Atmosphäre sein und die Szenerie mutet fast ein bisschen unwirklich an so nahe am Zentrum der Stadt und doch meilenweit entfernt.

 

Mahnmal und Erinnerung

Mahnmal Levetzowstraße
Mahnmal Levetzowstraße

Weiter geht es zur Levetzow- Ecke Jagowstraße: hier stand seit 1914 eine der größten Synagogen Berlins. Die Nationalsozialisten nutzten ab 1941 die Räume als Sammellager für die Deportation von Juden. Von hier wurden viele  gezwungen quer durch die Stadt zum Bahnhof Grunewald zu laufen, um dort die Züge Richtung Osten zu besteigen, für viele andere war der Zug vom Güterbahnhof Pulitzerstraße der Weg ins Verderben.

 

Seit 1988 erinnert ein wuchtiges und sehr beklemmendes, aber auch beeindruckendes Mahnmal daran. Schienen laufen auf einen Güterwaggon zu, in dessen Inneren zusammengeschnürte Menschengruppen aus Marmor eingepfercht sind; nur schlecht kommt das Licht durch und die Beklemmung ist mit Händen zu greifen. Auf einer seitlichen Rampe mehr Menschenpakete, davor Metalltafeln mit Namen und Reliefs nicht mehr existierender Berliner Synagogen. Dahinter findet sich eine Stahlwand, auf der die Daten aller Deportationen aus Berlin eingefräst sind. Das hier ist ein unwirklicher Ort, der Verkehr der Levetzowstraße braust vorbei und man will doch nur innehalten und ein bisschen Ruhe bekommen – geht aber natürlich nicht mitten in der tobenden und lebendigen Stadt.    

 

Das Kleine Geschichtsbuch

Borsig Villa Moabit auf alter Fotografie
Borsig Villa Moabit auf alter Fotografie

Ursprünglich befand sich auf dem Gebiet nördlich der Levetzowstraße das Eisenwerk der Firma Borsig, das hier ab 1849 bis zu seiner Verlagerung nach Tegel 1898 produzierte. Die Neu-Bellevue-Actiengesellschaft für Grundstücksverwertung führte ab 1902 eine Parzellierung der Grundstücke durch und benannte die Straßen nach Städten des Rheinisch-Westfälischen-Industriegebiets, dem heutigen Ruhrgebiet. Die ehemalige Borsigvilla an der Ecke Alt-Moabit und Stromstraße mit einem von Lenné angelegten Garten, der bis ans Spreeufer heranreichte, wurde 1911 in die Bebauung einbezogen. Der „Essener Park“ ist der letzte erhaltene Rest dieser Parkanlage, allerdings weist heute nichts mehr darauf hin.

 

Das Westfälische Viertel wurde von Anfang an als bürgerliches Wohnviertel geplant, anders als die Mietskasernen auf der nördlichen Seite Alt-Moabits. Es entstanden Häuser mit abwechslungsreichen Fassaden und komfortablen Wohnungen. Hier wohnten Angestellte und Offiziere, untere Mittelschicht würde man heute wohl sagen. Im Krieg gab es geringe Schäden und bis zur Wende blieb der Kiez von allen Veränderungen um ihn herum, wie eine Insel in sturmtosender See, mehr oder weniger bewahrt.  

 

Elberfelder Chaussee und ein Hauch Dorf

Elberfelder Straße
Elberfelder Straße

Auf der anderen Seite der Levetzowstraße mündet die Elberfelder Straße, die inoffizielle Hauptstraße des Kiezes. Hier finden sich viele Galerien, Geschäfte und Restaurants und dadurch, daß die Straße  verkehrsberuhigt ist und von altem Baumbestand umgeben, hat sie ein sehr entspanntes Flair; an der Kreuzung zur Dortmunder Straße findet sich fast ein kleiner Dorfplatz wieder hat man das Gefühl. Die Jahrhundertwende Bebauung ist noch fast vollständig erhalten und es gibt an vielen Häusern wundervolle Details zu entdecken. Im Trommler gibt es Spielzeug und Kleidung für die Kleinen, Made in Africa Collection verkauft Möbel, Accessoires und Schmuck und ist doch noch viel mehr als ein Ladengeschäft; denn die Philosophie dahinter ist,  Made in Africa als Gütesiegel zu etablieren und so die Hochwertigkeit der Waren in den Vordergrund zu stellen.

 

Direkt daneben befindet sich das ProbierMahl und der Name ist hier Konzept. Deutsch-mediterrane Köstlichkeiten können im Tapas-Format bestellt werden, alle anderen Gerichte auf der Karte gibt es in zwei Portionsgrößen, dazu eine Reihe von fantastischen Burgern von klassisch bis luxuriös mit Fleisch vom Wagyu Rind. Alle Zutaten sind saisonal und lokal, das Essen schmeckt hervorragend und Gastraum und Terrasse sind beide sehr ansprechend; unbedingt zu empfehlen.

 

Auf der anderen Straßenseite befindet sich das ProMo mit günstigem Mittagstisch und sonntäglichem Brunch, auch ein Ort der schönen Einkehr. Und direkt daneben, man kann es nicht überhören, die Eisbox. Das Eis ist biozertifiziert und neben den Klassikern werden auch ausgefallene Kreationen wie Limone-Rosmarin oder je nach Jahreszeit Orange-Karotte oder Apfel-Staudensellerie angeboten.

 

An der Ecke Essenerstraße laden Tischtennisplatten und ein Kinderspielplatz ein, die anderen sitzen bei Kaffee im Mamsellchen oder gehen bei Chums vietnamesisch essen, wobei sich nach  Besitzerwechsel die neue Kombo erst noch beweisen muss. Ein Erlebnis ganz besonderer Art ist die Braun Design Sammlung Ettel. Hier wird archiviert und gezeigt, was die Firma Braun hergestellt hat und es zeigt sich mal wieder, dass Industriedesign schön sein kann, wenn man denn will.

 

Schräg gegenüber die Meisterbäckerei Zandonai, bekannt vor allem durch seine 22 Brotsorten und der schier unglaublichen Auswahl an Pralinen, Trüffeln aber auch Dominosteinen zur Weihnachtszeit.

Essen – Bochum – Krefeld

In der Essener Straße lockt das Weimarer Dreieck, wo, wie der Name schon suggeriert, polnisch-deutsch-französische Gerichte serviert werden; die Speisen sind gut und im kleinen Vorgarten sitzt man sehr heimelig. Und einen Katzensprung weiter sind wir plötzlich in Österreich – im Fiaker bekommt man Kaffee aus eigener Röstung, viele österreichische Kaffeespezialitäten, gute Torten und kleine Frühstücke und auch hier sitzt man nett auf der Ecke zur Bochumer Straße. Und während sich hier eher die Neu-Moabiter aufhalten, sitzen gegenüber in Meißners Probierstube die Alteingesessenen. Noch harmonieren die Lebensmodelle hier gut nebeneinander, miteinander sind sie nicht wirklich, aber jeder findet im Viertel seins.

 

Das Afrikahaus in der Bochumer Straße lockt mit zahlreichen interessanten Veranstaltungen; seit 1993 hat sich das Haus weit über Moabit hinaus zu einer Institution der transkulturellen und politischen Bildung entwickelt. Ein Fokus sind natürlich die schwierigen europäisch-afrikanischen Beziehungen und das Ungleichgewicht, das bis heute im Umgang miteinander herrscht. Ein Haus weiter, die Osteria dell’Arte. Das Ambiente ist schlicht, die Kellner radebrechen ein Kauderwelsch aus unterschiedlichen Sprachen aber über allem wacht der Patrone aus der Küche und der macht seine Sache sehr gut. Lassen Sie sich nicht vom äußeren Eindruck abschrecken.

von Fridolin freudenfett (Peter Kuley) - creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0
von Fridolin freudenfett (Peter Kuley) - creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0

An der Ecke zur Essener Straße kündigt sich Neues an, das Domberger Brot Werk; bisher konnte das Brot nur auf ausgewählten Märkten in Berlin und Brandenburg gekauft werden, wir sind gespannt. An der nächsten Ecke findet sich seit über 30 Jahren das Wallhalla; eine Kneipe, ein Restaurant und so viel mehr als das: eine Konstante im Leben vieler Moabiter und auch hier hat man den Spagat geschafft und so finden sich allabendlich neben den in Ehren ergrauten Stammgästen auch viele junge Leute ein.  Noch älter ist die Weinschmiede Hokema,  ein Weinladen mit einem sehr ansprechenden Angebot an Positionen aus den wichtigsten Anbaugebieten. Für den Umtrunk am Ufer kann man sich hier gut eindecken, fachmännisch beraten von Herrn Hokema.   

 

Der Grüne Laden an der Ecke zum Bundesratsufer versorgt alle, die nicht zu großen Bio Supermärkten gehen wollen, mit ökologischen Produkten, da der Ökomarkt an der Heilandskirche leider nur einmal die Woche stattfindet. Für den Markt wird momentan ein neuer Standort gesucht, da der Verpächter ab 2017 einen neuen Betreiber bevorzugt; man konnte sich auf die Pacht nicht mehr einigen.  

Wasser, auch wenn es nur die Spree ist

Spreeufer von der Tiergarten Seite
Spreeufer von der Tiergarten Seite

Von dem, wie das Bundesratsufer früher aussah, ist nicht mehr allzu viel übrig geblieben - leider. Moderne Bebauung prägt diesen Teil des Spreebogens, nur das Haus Lessing an der Ecke Stromstraße wurde saniert, sowie Haus #10 an der Ecke Dortmunder Straße; beide stehen unter Denkmalschutz. Das Haus Lessing wurde 1912 errichtet als Wohnhaus mit fünf Etagen. Über dem Eingang befinden sich Loggien mit Stuckelementen und Balkonen und das Dachgeschoss wird von einem mächtigen Dreiecksgiebel bekrönt. Heute kann man hier zwei wunderschöne Dachterrassen erahnen, wenn man von der anderen Seite der Lessingbrücke hinüber sieht.

 

Schön ist es hier, trotz der teilweise historisierenden Bebauung und die Mieten für diese Häuser sind weit über dem Niveau der Anrainer Straßen. Das begrünte Ufer lädt mit zahlreichen Sitzbänken zum Verweilen ein und wie am Wikinger-Ufer genießen die Bewohner im Sommer hier die fast mediterrane Leichtigkeit am Wasser, auch wenn es nur die manchmal nicht sehr einladende Spree ist.

 

In der Bochumer Straße befindet sich die Technikerschule Berlin. Das Gebäude wurde bis 1908 für das Friedrichwerdersche Gymnasium erbaut, eine der renommiertesten Schulen Berlins. Berühmte Eleven waren Dietrich Bonhoeffer, Leo von Caprivi, Victor Klemperer, Max Liebermann und Heinz Ullstein. Das Gebäude aus Backstein ist reich verziert und hat eine etwas einschüchternde Imposanz. Die Straßenfassade ist mit Wandpfeilern gegliedert, zwischen denen Reliefs mit antiken Darstellungen darauf hinweisen, dass es in diesem Haus um Bildung geht.   

Feiner Abschluß

Besonders schön lässt sich das Bundesratsufer von der Terrasse der Buchkantine genießen, einer sehr gelungenen Mischung aus Bistro und Buchhandlung. Es gibt Frühstück und einen Mittagstisch, dazu eine Buchhandlung, die  sich auf Belletristik und Jugendbuch spezialisiert hat. Der Kaffee ist Fair Trade und die Kuchen sind auch zu empfehlen. Drinnen kann es manchmal etwas laut werden, die Kinderspielecke ist groß, aber das stört draußen nicht weiter. Sonntagabends ist die Buchkantine ein beliebter Treffpunkt zum gemeinschaftlichen Tatort schauen.   

 

In letzter Zeit wird das Westfälsche Viertel häufiger der Prenzlauer Berg Moabits genannt, was zum Glück nicht richtig ist. Natürlich gibt es viele junge Familien, da es hier noch viele günstige Altbauwohnungen gibt und Wohnen am Wasser einfach einen ungeheuren Reiz hat, aber es gibt hier kein Chi-Chi, keinen Elternwettbewerb und noch fast keine Verdrängung. Es ist einfach ein Gebiet mit attraktivem Flair und hoher Lebensqualität, aufgrund der Vielzahl an sanierten Gründerzeitbauten, des grünen Wohnumfeldes und der wenig störenden Gewerbenutzung.

 

Wie es weitergehen wird; ich hoffe es bleibt und kippt nicht. Es wäre sehr schade um diesen so freundlichen und ausgewogenen Kiez. 

 

U9 Turmstraße

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Kommentare: 2
  • #1

    Juliane Gassert (Mittwoch, 02 August 2017 15:26)

    Das klingt ja wie eine Liebeserklärung und läuft nun (fast) dem schönen Beitrag über die Rote Insel den Rang ab. Komplement für die Recherche und die tollen Beschreibungen.
    Ich entdecke meine alte Heimat hier mit anderen Augen.
    Bei meinem nächsten Besuch unbedingt ein Muss!

  • #2

    Charlotte@fortsetzungberlin (Mittwoch, 02 August 2017 17:49)

    Ja, ist es wohl geworden. Ich bin immer wieder gerne hier und hoffe, das der Kiez noch lange seinen Charakter bewahren kann.

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