Vom Anfang Moabits - Hugenotten und Militär

Im Mittelalter wurde das Gelände Moabits als Viehweide genutzt und erst Friedrich-Wilhelm I siedelte 1717 in dem Gebiet zwischen der heutigen Straße Alt-Moabit und der Spree Hugenotten an. Sein Plan war, dass die Flüchtlinge aus Frankreich hier Maulbeerbäume für die Seidenraupenzucht anpflanzen sollten; ein Vorhaben, das natürlich im märkischen Sand- und Sumpfboden zum Scheitern verurteilt war. Aber die Hugenotten blieben und eröffneten zum Beispiel Gartenlokale; dort wurde unter anderem mocca faux serviert, falscher Kaffee, woraus die Berliner im Laufe der Zeit  das Wort Muckefuck machten.

 

Überhaupt ist der Einfluß der Hugenotten auf den Berliner Dialekt nicht zu unterschätzen: Die Bulette, ratzekahl, etepetete sein, Fisimatenten machen, Karre oder Deez sind alle Eindeutschungen von französischen Wörtern.   

 

Militärisch konnte das Moabiter Gelände aber natürlich genutzt werden und Platz für Militäranlagen benötigte man in Preußen immer;  und so wurden hier neben einem Exerzierplatz königliche Pulvermühlen gebaut und bald erstreckte sich das militärische Areal bis an die Kolonie der Hugenotten heran.

AEG, Kriminalgericht und eine Markthalle

Im 19. Jahrhundert eroberte die Industrie dann Moabit; wegen Geruchs- und Lärmbelästigung wurden keine Baugenehmigungen mehr in der Stadt erteilt und so wich man auf die benachbarten Flächen aus. Darüberhinaus war der direkte Zugang zur Spree ein Standortvorteil als Transportweg für Rohmaterial und fertige Produkte. Noch heute erkennt man am Spreeufer einige Anleger der damaligen Lastschiffe.    

 

1861 wurde Moabit nach Berlin eingemeindet und peu à peu wurden die Industriebetriebe nach Wedding verdrängt. Immobilienspekulanten hatten erkannt, dass mit dem Bau und der Vermietung von Mietskasernen mehr Geld zu verdienen war. Das Industriegebiet entwickelte sich zu einem Wohnviertel, vorwiegend von Arbeitern bewohnt. Nur im Westen Moabits sind noch Industrieanlagen, wie beispielsweise die berühmte AEG-Turbinenfabrik in der Huttenstrasse, erhalten.

 

Ende des 19. Jahrhunderts wurde in der Rathenower Straße das Kriminalgericht errichtet. Im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, ist das heutige Gebäude ein bis 1906 errichteter Gebäudeteil, der zur Erweiterung erbaut worden war. Die Eingangshalle ist kuppelartig mit zwei mächtigen geschwungenen Treppen;  Angeklagte aber auch Besucher sollten von der einschüchternden Bauweise beeindruckt werden, die ausdrücken wollte das der Staat und seine Gesetze das Sagen haben. Untersuchungshäftlinge werden auch heute noch von der benachbarten Justitzvollzugsanstalt über unterirdische Gänge und versteckte Treppen zum Gerichtssaal gebracht.

 

1891 wurde die Arminius Markthalle als Markthalle X eröffnet um die Versorgung der Bürger auf hygienisch höhere Standards zu stellen. Nach dem Krieg dümpelte die Halle jahrzehntelang vor sich hin und wurde erst ab 2010 revitalisiert. Heute bietet sie neben einem Norma und Henninger Markt viele Marktstände mit Fokus auf Regionalität, Qualität und Nachhaltigkeit. Darüberhinaus gibt es einige sehr gute Lokale wie das Rosa Lisbert, kürzlich zum Berliner Szenerestaurant 2016 ausgezeichnet, und das Habe die Ehre, die beide unbedingt empfehlenswert sind.

Synagoge und Krieg

1914 wurde die Synagoge Levetzowstraße eingeweiht. 1941 machten die Nazis hieraus ein Deportationslager für 1.000 Berliner Juden; unter anderem vom Bahnhof Putlitzstraße wurden sie direkt in die Konzentrationslager verbracht. Eine Beschreibung finden Sie im Rundgang Westfälisches Viertel.

 

Im Krieg wurde vor allem der Bereich um die Beusselstraße stark zerstört, da sich hier nach wie vor Industrie befand. Mit dem Bau der Mauer rückte Moabit in eine Randlage. Seit der Wiedervereinigung ist Moabit wieder ein zentraler Bezirk geworden mit – noch – relativ günstigen Altbauwohnungen; allerdings ist die Arbeitslosenquote nach wie vor sehr hoch und vor allem im Norden des Bezirks gibt es einen hohen Anteil an Bewohnern mit arabischem und afrikanischem Migrationshintergrund. Die Straße Alt-Moabit  mit ihren billigen Klamottenläden, Handy Shops und Dönerbuden ist ein Kaleidoskop an unterschiedlichen Kulturen; aber – es gibt jetzt einen Bio Supermarkt, eigentlich immer ein untrügliches Zeichen einer Veränderung in eine bestimmte Richtung. Im  Stephanskiez, ganz im Norden von Moabit, der inzwischen komplett saniert ist, ist der Prozess der Gentrifizierung schon voll zu beobachten und es wird wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis die angrenzenden Straßen ebenfalls erreicht werden. Der Süden Moabits hingegen ist fast schon bürgerlich; hier gibt es gut erhaltene Gründerzeithäuser und die historische Bausubstanz blieb zu 90% erhalten. Entsprechend die Bewohnerstruktur und das Flair in den Straßen. Die Uferpromenade tut sicherlich einiges dazu, dass dieser Teil von Moabit auch weit über den Kiez hinaus beliebt ist; an lauen Sommerabenden gibt es kaum einen schöneren Platz als am Ufer der Spree – das sehen allerdings viele so. 

Die Regierung und schwierige Entwicklungen

Moabit  grenzt aber auch an das Regierungsviertel und der Lehrter Stadtbahnhof wurde zum Hauptbahnhof ausgebaut. Das veränderte die Dynamik im Viertel natürlich ebenfalls. Viele Neubauten wurden errichtet, wie beispielsweise die Wohnbauten für Bundestagsabgeordnete des Architekten Georg Bumiller; Hauptbestandteil ist ein 320 m langes, mehrfach geschwungenes Backsteingebäude mit 718 Wohneinheiten, umgangssprachlich Abgeordnetenschlange genannt. Leider wollten die Abgeordneten aber dort nicht wohnen, so dass seit Ende 1999 auch Privatpersonen in die Gebäude eingezogen sind. 2016 wurde der Neubau des Bundesinnenministeriums in direkter Nachbarschaft des Hauptbahnhofes errichtet und die Beamten zogen vom alten Standort an der Kirchstraße um; Miete wird dort aber immer noch bezahlt und das nicht zu knapp, aber man ist Moabit treu geblieben.  

 

Es gibt aber nicht nur positive Entwicklung in Moabit; seit geraumer Zeit hat der Kleine Tiergarten den unschönen Spitznamen „Kleiner Görli“ bekommen, denn hier hat sich ein neuer Drogen-Brennpunkt entwickelt. Weltweit erlangte Moabit in 2015 traurige Berühmtheit, als Epizentrum der Ineffizienz der Berliner Verwaltung und der Wurstigkeit des Berliner Senats; ein nie gekannter und für möglich gehaltener negativer Höhepunkt in der Registrierung und Verwaltung der nach Berlin kommenden Flüchtlinge wurde vor dem LaGeSo in der Turmstraße erreicht. Nur der Verein „Moabit Hilft“ und seine tatkräftigen Unterstützer konnten das Schlimmste verhindern und retteten dem Berliner Senat den Rest seines  Ansehens.        

 

Moabit ist ein Viertel im Umbruch; viele schöne Ecken mit Entdeckungen, die sich lohnen, aber auch ein Brennglas der Probleme einer modernen Großstadt und einer Gesellschaft, die sich zu lange nicht als Einwanderungsgesellschaft verstanden hat. 

 

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